Ist Gilead Sciences ein Value-Investment wert?

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Kissigs Kolumne vom 4. Oktober 2016, Aktien Magazin 26/2016 

Die Kosten der Krankenkassen explodieren, nicht nur in Deutschland. Das liegt daran, dass es immer mehr Menschen gibt, die auch noch immer älter werden. Und bis zum Altsein immer ungesünder leben. Die Zivilisationskrankheiten haben rasante Zuwachsraten, Übergewicht ist fast schon zum Normalzustand geworden. Zum ungesunden Leben gehören aber auch Alkohol und Zigaretten, die viele Menschen regelmäßig konsumieren. Und inzwischen mehren sich die Stimmen, die Alkohol als Mitverursacher von Krebs anprangern. Für Pharmafirmen sollten das paradiesische Zustände sein, denn immerhin wächst ihre Zielgruppe exponentiell an.

Allerdings lässt sich mit Medikamenten nur dann etwas verdienen, wenn man zuvor Geld ausgegeben hat. Und zwar eine Menge. Von 1.000 Wirkstoffen, die erforscht werden, schafft es nur ein einziger bis zu einem zugelassenen Medikament. Alle übrigen erweisen sich als wirkungslos. Und zwar nicht alle von Anfang an, sondern über einen langen Zeitraum hinweg in den unterschiedlichen Phasen der Forschung und Entwicklung. Stoffe, die sich im Anfangsstadium befinden, erzeugen noch keine hohen Kosten, aber wenn sich Wirkstoffe bereits in der klinischen Erprobung befinden, sind schon hohe Millionenbeträge angefallen und ein Scheitern in der sog. Phase 3 ist extrem ärgerlich und extrem teuer. Was auch daran liegt, dass die Hürden für die Medikamentenzulassung immer höher gelegt werden, um die Menschen vor ungewollten Nebenwirkungen zu schützen.

Vor einigen Jahren habe ich mich mit dem damaligen Deutschland-Chef des Pharmakonzerns AstraZeneca über dieses Thema unterhalten und der hat mir diese Zahlen bestätigt. Ein zugelassenes, neues und innovatives Medikament, hat durchschnittlich 1 Milliarde Dollar gekostet, um es zur Marktreife zu bringen. Darin sind die ganzen Rohrkrepierer mit eingerechnet. Und diese Zahl zeigt auch, weshalb die Unternehmen sich auf die lukrativsten Wirkstoffe fokussieren und deren Preise in der patentgeschützten ersten Phase so exorbitant hoch sind. Denn laufen die Patente aus, ist die Zusammensetzung der Medikamente frei verfügbar und es kommen umgehend Nachahmerprodukte auf den Markt. Diese sog. Generika kosten dann natürlich viel weniger, denn die Nachahmer haben ja keinen Cent für Forschung und Entwicklung ausgegeben und daher haben sie nicht den enormen Kostenblock, den der Initiator erst einmal verdienen musste.

Da die Forschung dermaßen teuer und risikoreich geworden ist, haben die großen Pharmakonzerne vor einigen Jahren in diesem Bereich ihre Aktivitäten drastisch zurückgefahren. In die Lücke stießen dann junge Unternehmen, die sog. Biotechs. Diese fokussieren sich meistens auf einen einzigen Wirkstoff und wenn dieser zu einem Erfolg wird, verdient sich das Biotechunternehmen eine goldene Nase. Scheitert der Wirkstoff, ist das Unternehmen meist am Ende und die Geldgeber verlieren ihren Einsatz. Inzwischen haben die großen Pharmafirmen die sich bietende Chance ergriffen und beteiligen sich an den kleinen Biotechs oder gehen mit ihnen Kooperationen hin-sichtlich bestimmter Wirkstoffe ein. Und zwar dann, wenn sich die Wirkstoffe in einem gereifteren Entwicklungsstadium befinden und ein Erfolg wahrscheinlicher wird. Auf diese Weise gliedern sie ihre risikoreiche Forschungsabteilung quasi aus. Die Biotechs erhalten dann über den Zeitraum der Kooperation sog. Meilensteinzahlungen, das die forschenden Biotechunternehmen dringend benötigen, um überhaupt forschen zu können. Sie erhalten also Geld, wenn der Wirkstoff bestimmte Zielschritte erreicht, also Genehmigungen oder Testphasen, bzw. bestimmte Ergebnisse erzielt. Gilead Sciences (WKN: 885823 / ISIN: US3755581036) ist so ein Biotechunternehmen, oder war es zumindest einmal. Mit einer Börsenkapitalisierung von 115 Milliarden Dollar und einem Jahresumsatz von 30 Milliarden Dollar ist es inzwischen ein richtiger Pharmagigant geworden. Allerdings spezialisiert auf zwei sehr hochpreisige medizinische Bereiche, in die auch andere forschende Firmen einzudringen versuchen. Gilead ist dabei nicht selbst der Forscher und Entwickler, sondern hat es in der Vergangenheit verstanden, sich durch Übernahmen die lukrativsten und erfolgreichsten Mitbewerber einzuverleiben.

Gilead-Chart: finanztreff.de

Auf www.intelligent-investieren.net geht es weiter.

Kissig Ein Beitrag von Michael C. Kissig

Er studierte nach Abschluss seiner Bankausbildung Volks- und Rechtswissenschaften und ist heute als Unternehmensberater und Investor tätig. Neben seinem Value-Investing-Blog „iNTELLiGENT iNVESTiEREN“ verfasst Michael C. Kissig regelmäßig eine Kolumne für das „Aktien Magazin“.

Bildquellen: Michael C. Kissig / dieboersenblogger.de


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