Die Antwort Europas auf Trump müsste eigentlich sein: Es gibt mehr Ketten als bissige Hunde

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Für politische Entspannung in Europa hat der neue US-Verteidigungsminister James Mattis gesorgt. Entgegen dem Nato-Hinfälligkeitsgerede von Trump stellt er den Schutz des Militärbündnisses nicht im Entferntesten in Frage. Ein Beweis für ungetrübte transatlantische Freundlichkeit ist dies dennoch nicht. Denn die Nato dient auch zur Sicherung des amerikanischen Einflusses in Europa, wo man wirtschaftlich auch morgen und übermorgen noch kraftvoll zubeißen will.

America First heißt America First!

Es wäre für Europa geradezu dümmlich, sich auf den Standpunkt zu stellen: Trump? Alles halb so schlimm! Die Federstrich-hafte Aufkündigung des geplanten Transpazifischen Handelsabkommens (TPP) ist ein Paukenschlag, der zeigt, dass es Trump mit „America First“ bitterernst meint. Dabei galt doch der pazifische Raum als die wirtschaftliche Zukunftsregion Amerikas. Auch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) mit Kanada und Mexiko, das bereits seit 1994 besteht, wird trumpisiert. Angst vor einem Alternativabkommen der Pazifikanrainer mit China hat die neue US-Regierung nicht. Man denke z.B. an all die Püppchen, Teddybären und Kleidung in US-Kaufhäusern, die Made in China sind. Da kann man ordentlichen amerikanischen Druck aufbauen. Und die Drohungen Chinas, die Billionen an US-Staatspapieren auf den Markt wie Ramschware im Schlussverkauf zu schmeißen und damit Amerika einem konjunkturschädlichen Zinsschock auszusetzen, sind ähnlich erfolglos wie das Aufwärmen des Nordpolarmeers mit einem einzigen Tauchsieder. Denn so viele US-Staatspapiere kann China nicht werfen wie sie von den Abfangjägern der US-Notenbank eingesammelt werden. Auch für die Fed gilt America First.

Handels-Europa hat wenig Grund, sich entspannt zurückzulehnen

Ohne TPP und mit einer klaren Flurbereinigung von NAFTA werden zwar keine markanten handelspolitischen Pflöcke gegen Europa eingeschlagen. Freude in den europäischen Exportnationen sollte jedoch nicht aufkommen. Auch die EU ist von einem Handelsabkommen mit Amerika so weit entfernt wie die Erde vom Andromeda-Nebel.

Und jetzt versorgt ausgerechnet die Deutsche Bundesbank Trump mit weiterer handelsprotektionistischer Munition. In ihrem letzten Monatsbericht dokumentiert die Bundesbank, dass die ultralockere Geldpolitik der EZB seit 2014 bedeutende Verantwortung für die Abwertung des Euros zum US-Dollar trägt. Für Handels-Bluthund Donald ist das ein gefundenes Fressen, die Eurozone der Währungsmanipulation zu beschuldigen. Was für ein Alibi für Wirtschaftssanktionen gegen die eurozonale Konkurrenz!

Zugleich hat er handfeste Gründe seinerseits, den US-Dollar gegen verwerfliche Aufwertung zu verteidigen und eine Abkehr von der unter Reagan geltenden Strong Dollar-Policy zu betreiben, die damals dazu führte, dass jede Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald oder jeder bayerische Bierkrug nach Amerika exportiert werden konnte.

Eins darf man niemals vergessen: Das Kernwahlversprechen von Trump ist Jobs, Jobs, Jobs, natürlich auch über Exporte von Made in USA. Jedes Argument für einen schwachen Dollar ist recht.

Für diesen Zweck wird er gerne auch die US-Notenbank einspannen und dabei den Wendehals spielen: Während er noch vor seiner Wahl im November 2016 Fed-Präsidentin Yellen immer wieder vorwarf, die Zinsen konjunkturstimulierend niedrig zu halten, damit Präsident Obama behaupten konnte, einen guten Job gemacht zu haben, hat sich Trumps Fed-Fähnchen jetzt um 180° gedreht. Ja, jetzt sitzt Trump im Oval Office und jetzt braucht er niedrige Zinsen für günstige Neuverschuldung und einen soften Dollar. Die Spatzen pfeifen es längst vom Dach des Weißen Hauses, dass Frau Yellen nach 2018 keine zweite Amtszeit bekommen wird. Obwohl sie doch schon eine geldpolitische Taube ist, wird Trump ab nächstem Jahr eine Super-Taube auf den Chefsessel der Fed setzen. Ohnehin, für ihn ist geldpolitische Inflationsbekämpfung etwas für Loser.

Während die USA dicke Bretter bohren, ist die EU mit Laubsägearbeiten beschäftigt

Spätestens jetzt muss sich Europa zusammenrotten, ein Gegengewicht zu Amerika bilden. Und tatsächlich sprechen einige politische Würdenträger bereits von Europe First. „Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Diese Reaktion ist schon deshalb schwierig, weil die Briten als bisherig starker Schutzschild der EU nicht nur Fahnenflucht begehen, sondern sogar auf die amerikanische Gegenseite wechseln. Ein neues Bündnis, ein attraktives Handelsabkommen machen es möglich.

Und die Rest-EU? Ihre Mitglieder kommen mir teilweise vor, wie sonntägliche Jogger: Ermüdet. Ich behaupte ohnehin, dass in den Ministerkabinetten europäischer Regierungen keine Hyperinflation an Wirtschaftssachverstand herrscht. Überhaupt, für was steht die EU wirtschafts- und finanzpolitisch eigentlich? Für Stabilitätsunion mit hartem Geld oder Schuldenverein mit geldpolitischer Happy Hour?

Und wenn gar nichts mehr geht, verstecken sich Europas Politiker hinter Werten

Natürlich sind Werte wichtig. Politisches Handeln muss sich immer an ihnen orientieren. Man muss Werte praktizieren, nicht nur verbalerotisch von ihnen sprechen. Doch bereits der entscheidende Wert des gesamt-europäischen, geostrategischen Zusammenhalts konnte man in den letzten Jahren nicht bewundern, s. Brexit, Migration, Terrorabwehr. Genau dieser ist aber erst die Voraussetzung, um gegen machtvolle amerikanische Duftmarken anzustinken. Ja Europa muss hier zu einem regelrechten „Stinktier“ werden, vor dem auch ein Trump Respekt hat.

Ansonsten verkommt die Wertediskussion zu einer Unverbindlichkeit wie die Ermahnung von Ernährungsberatern, mehr Obst und Gemüse und weniger Pommes und Schokolade zu essen. Aber wer nimmt denn die Fahne der Werteorientierung in die Hand? Deutschland kann zwar den Chefkoordinator spielen. Aber wirklich Druck aufbauen kann es mangels allgemeiner europäischer Zustimmung nicht. Europa ist gespalten. Und wo der europäische Hühnerhof sich zur Verteidigung nicht organisiert, haben der Fuchs mit den rot-blonden Haaren und seine grauhaarige Verbündete leichtes Spiel.

Das Motto der deutschen Exportindustrie: Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand!

Schaut man auf die Stimmungsindikatoren der deutschen Industrieunternehmen und auch ihre Aktienkurse, hält sich die Trump Panic in Grenzen. Die Exportindustrie macht ihren eigenen Deal mit Trumps Amerika. Sie wartet nicht ab, bis sich der europäische Polit-Dinosaurier bewegt. Als Geschäftsleute wissen sie, wie man mit dem Geschäftsmann Trump umgehen muss, um seinem handelsprotektionistischen Bannstrahl zu entgehen. Sie sind vom globalen Konkurrenzkampf gestählt, also schon von Natur aus bei Evolutionen und auch Revolutionen anpassungsfähig. Dem Trumpschen Meteorit werden Sie pragmatisch ausweichen. Sie wissen: Schaffen wir Jobs in Amerika, gibt es für Trump keinen Grund, uns wehzutun. So werden in den USA auch zukünftig noch Gummibärchen ohne Importzölle verkauft.

Allerdings hat die Sache einen Haken. Wenn Arbeitsplätze in Amerika aufgebaut werden, wer baut sie bei uns auf, nicht zuletzt damit sich über verbesserte Perspektiven die EU- und Euro-skeptische Haltung verflüchtigt?

Europa kann sich hier nicht einfach in die Büsche schlagen. Hier müssen Fakten, keine alternativen Fakten geschaffen werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128.

Bildquelle: Baader Bank / dieboersenblogger.de


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