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Brexit: Wo bleibt denn der Schock?

Großbritannien wächst – und zwar deutlich schneller als die meisten anderen europäischen Länder. Ist der Brexit-Schock eine hinterlistige Erfindung der Brexit-Gegner?

Die gestrigen Zahlen waren ziemlich ermunternd. Großbritannien kann eine Wachstumsrate ausweisen, von der die meisten nur träumen können. Im dritten Quartal wuchs die Wirtschaft im Vergleich zum zweiten Quartal 2016 um 0,5 %. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs die Wirtschaft um 2,3 %.

Die meisten EU Länder haben ihre Schätzungen für das Q3-Wachstum noch nicht veröffentlicht. Doch auch ohne diese Zahlen kann man guten Gewissens sagen, dass Großbritannien die meisten Länder mit seinem Wachstum schlägt. Frankreich schrumpfte zuletzt. Dass Frankreich Großbritannien auf wundersame Weise im dritten Quartal überholt hat, ist unwahrscheinlich. Auch Italien, Belgien, Österreich, Dänemark, Finnland, Portugal, Griechenland, Litauen, Estland und Malta lässt das Königreich locker hinter sich.

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Die Jahreswachstumsrate zeigt seit Ende 2015 wieder einen Aufwärtstrend. Betrachtet man die Zeitreihe (siehe Grafik) dann gewinnt man fast den Eindruck, dass Großbritannien zum großen Sprung ansetzt und ein neuer Boom bevorsteht. Aus Quartalssicht lässt sich das so nicht bestätigen. Das Quartalswachstum ist im Vergleich zu den Jahren 2012 bis 2014 systematisch einen halben Prozentpunkt geringer.

Dass Großbritannien trotz des erwarteten Brexit-Schocks im dritten Quartal kräftig wachsen konnte, hat viele überrascht. Die Erwartung von 0,3 % wurde deutlich übertroffen. Das ist bemerkenswert, denn viele hatten einen merklichen Rückgang der Aktivität erwartet. Im Juli und August fielen Verbraucher- und Unternehmensvertrauen auf Niveaus, die sonst nur in Rezessionen erreicht werden.

Davon zeigt sich nun nichts. Bevor man den Brexit-Schock nun gleich zu einer Fata Morgana erklärt, darf man einige Aspekte nicht vergessen. Betrachtet man die Details, dann wird klar, was geschehen ist. Das Statistikamt definiert vier Sektoren (Landwirtschaft, Produktion, Bau, Dienstleistungen). Alle Sektoren, bis auf den Dienstleistungssektor, schrumpften über den Sommer, teilweise mit sportlichen 1,4 % (Bau). Nur der Dienstleistungssektor konnte mit 0,8 % zulege. Da der Dienstleistungssektor knapp 80 % ausmacht, fällt das wegbrechende Wachstum im Rest der Wirtschaft nicht auf.

Der Dienstleistungssektor wiederum konnte nur wachsen, weil die Nachfrage des Staates zulegte. Der Staat trug ein Viertel zum Wachstum im Servicebereich bei. Der Rest wurde fast ausschließlich durch die Hotellerie und Restaurants gestemmt. Das sprunghafte Wachstum ist einem rasanten Anstieg des Tourismus zu verdanken. Dank rascher Pfundabwertung kamen so viele Touristen nach Großbritannien wie lange nicht.

Ob Staatsausgaben und Tourismus auf Dauer eine Wirtschaft von 2,6 Billionen tragen können, kann sich jeder selbst denken. Die Zahlen sind kein Grund, den besten Champagner aus dem Keller zu holen. Sie sind allerdings auch kein Schocker. Vielmehr zeigt sich immer mehr, dass es tatsächlich einen kurzfristigen Brexit-Boom gibt (Tourismus, Staat und Konsum).

Langfristig dürfte das Wachstum dafür systematisch niedriger sein. Ebben die Sondereffekte erst einmal ab, treten die Probleme im Rest der Wirtschaft in den Vordergrund. Man sollte also nicht überrascht sein, wenn sich die Brexit Folgen im Wachstum erst in Q4 und in Q1 2017 zeigen.

Autor: Clemens Schmale, Finanzmarktanalyst bei GodmodeTrader.de

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Bildquelle: dieboersenblogger.de


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