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Die Henne und das Ei

Gestatten Sie mir, dass ich heute ganz tief unten in der Phrasenkiste wühle und dort eine ganz olle Kamelle, wie der Kollege Hoffmann sowas nennen würde, ausgrabe. Die Geschichte von der Henne und dem Ei nämlich, oder besser die Frage, was denn nun wohl zuerst da war. Nun lässt sich diese Metapher bekanntlich auf viele Weisen deuten: philosophisch, religiös, rhetorisch, geht alles und ist mit einer Diskussionsdauer nicht unter zwanzig Minuten anzusetzen, ich spreche aus persönlicher Erfahrung. Allerdings, und das dürfte noch nicht allzu bekannt sein, gibt es dieses Henne-Ei-Ding auch an der Börse. Da heißt es nur anders, und zwar „die Kurse machen die Nachrichten“. Oder eben „die Nachrichten machen die Kurse“, je nachdem, welcher Fraktion man diesbezüglich angehört. Auch darüber lässt sich – und glauben Sie mir, ich spreche erneut aus persönlicher Erfahrung – gar trefflich und ausdauernd streiten, und ein gemeinsamer Nenner ist da kaum zu finden. Dabei muss man sich eigentlich doch nur den Kursverlauf dieser Handelswoche anschauen, und schon weiß man Bescheid, oder?

Mal so…

„Was sagt die Fed am Mittwoch?“, diese Frage dominierte das Kursgeschehen zu Wochenbeginn. Und da die Antwort bis eben Mittwoch auf sich warten ließ, ist die Bezeichnung „Geschehen“ für das, was die Kurse da boten, beinahe schon übertrieben. Unter dem Strich kamen die Aktienindizes dies- und jenseits des Atlantik kaum vom Fleck, schließlich wollte sich kein Markteilnehmer vor vom Leitzinsentscheid der Fed auf dem falschen Fuß erwischen lassen. Doch dann kam sie doch, die erlösende Nachricht der US-Notenbank, die prompt den Kursen auf die Sprünge half: Der Leitzins in Übersee bleibt, wie er ist, mit sieben zu drei Stimmen entschieden, damit ist ein Zinserhöhungsschritt „vorerst“ vom Tisch. Nun, im September zumindest, für den Rest des Jahres hat sich die Fed, wie so oft, ein Hintertürchen offen gelassen. Im Hinblick auf die bevorstehende Wahl des US-Präsidenten im November ist es allerdings wenig wahrscheinlich, dass die Notenbank den Leitzins im November anheben wird, da scheint der Dezember-Termin wesentlich realistischer. Auch wenn Fed-Chefin Yellen die politische Unabhängigkeit ihrer Institution betonte und damit eine Entscheidung im November nicht ausschließen mochte. Solange keine neuen Risiken für die US-Wirtschaft hinzukommen natürlich, aber das versteht sich bei Mrs. Yellen ja ohnehin von selbst. Sei es drum, die Nachricht an sich machte jedenfalls einmal mehr die Kurse:

…mal so

Und zwar so ordentlich, dass der DAX am gestrigen Donnerstag ganz locker die 10.600er-Marke überbot und so den berühmten volumenarmen Korridor in quasi einem Zug überwand. Dass so etwas ganz schnell gehen kann, darüber haben wir an dieser Stelle bereits berichtet, weshalb wir dieses Ereignis jetzt auch nicht über Gebühr feiern wollen. Zudem, und das stimmt aus charttechnischer Sicht ein wenig nachdenklich, hatte der deutsche Leitindex durchaus Mühe, die Volumenkante bei etwa10.650/10.670 Punkten zu überwinden. An der biss sich der DAX zunächst eine Weile die Zähne aus, bevor es im Sog einer am Nachmittag noch ebenfalls starken Wall Street immerhin auf ein Tageshoch bei 10.705,40 Zählern ging. Was nun folgt, ist Wasser auf die Mühlen der „Die Kurse machen die Nachrichten“-Fraktion: Nach diesem Kursprung können wir vermelden, dass die Doppeltop-Formation aus der Vorwoche positiv, sprich bullish aufgelöst wurde. Die Abwärtsrisiken sind daher, wenngleich nicht gänzlich verschwunden, so doch deutlich in den Hintergrund gerückt. Allerdings wissen wir aus mittlerweile jahrelanger Erfahrung, dass solche Kurssprünge nach Notenbank-Entscheidungen gerne wie Strohfeuer abbrennen. Siehe beispielsweise der heutige Kursverlauf. Und wer Janet Yellen genau zugehört hat, dem ist heute schon klar, dass die Hängepartie rund ums Thema Zinserhöhung nur in die nächste Runde gegangen ist.

PrimequantsEin Beitrag von Sebastian Jonkisch von Prime Quants

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Bildquelle: dieboersenblogger.de / Prime Quants


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