Das war gestern nach Börsenschluss ein Paukenschlag: Die US-Notenbank erhöht den Diskontsatz um 25 Basispunkte auf 0,75%. Die Anhebung gilt direkt ab heute, so dass der Markt völlig überrumpelt wurde.

Die Reaktionen an den Aktienmärkten: In Asien gab es heftige Kursverluste und auch in Europa und in den USA eröffneten die Märkte schwach. Das ist die typische Reaktion. Viele Investoren verkaufen fast automatisch Aktien, wenn die Zinsen angehoben werden. Die Annahme: Steigende Zinsen machen neue Anleihen attraktiver und Aktien unattraktiver.

Die Stimmung drehte dann aber doch noch in den positiven Bereich. DAX und EuroStoxx gingen erneut mit einem Plus ins Wochenende. Auch die US-Indizes haben sich vom Tagestief gelöst und notieren knapp in der Gewinnzone.

Bernanke überrascht die Märkte und will Stärke demonstrieren

Der US-Notenbank-Chef Ben Bernanke hat die Marktteilnehmer mit dieser Zinsentscheidung überrumpelt – und wird dafür von den Analysten gefeiert. Bernanke galt als schwer angeschlagen und wurde erst vor wenigen Tagen mit einem historisch einmalig schlechten Ergebnis im Amt bestätigt.

Mit dem überraschenden Zins-Schritt wollte Bernanke sicherlich auch demonstrieren, dass er noch handlungsfähig ist und die Zügel wieder anziehen kann. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag haben wir also eine Art „Comeback-Versuch“ des US-Notenbank-Chefs erlebt. Da sich der Markt in der aktuellen Finanzkrise einen starken Notenbank-Präsidenten wünscht, wurde das Lebenszeichen positiv gewertet.

Der Zins-Schritt war nicht besonders mutig

Ben Bernanke und seine Notenbank-Mitstreiter wollten ein Zeichen setzen, hatten aber nicht den Mut, am großen Rad zu drehen. So wurden nicht die Leitzinsen erhöht, sondern nur der Diskontsatz. Damit verteuern sich die kurzfristigen Kredite für Geschäftsbanken bei der US-Notenbank.

Dieser Umweg über den Diskontsatz war aber nicht gerade eine Heldentat: Zum einen ist der Diskontsatz noch immer viel zu niedrig, zum anderen sollten die Stützungsmaßnahmen für die Geschäftsbanken ohnehin reduziert werden. Bernanke hat nur das umgesetzt, was ohnehin vorher bereits angekündigt worden war. Die Schlagzeile „Zins-Erhöhung“ wäre nur dann ein echter Meilenstein gewesen, wenn Bernanke überraschend die Leitzinsen erhöht hätte.

Dieser Mut fehlte aber. Im Gegenteil: Bernanke hat sogar betont, dass der Leitzins noch über einen längeren Zeitraum niedrig bleiben wird.

Positiv: Die Märkte haben ohne Panik reagiert

Die Erhöhung des Diskontsatzes war aber dennoch kein Rohrkrepierer. So konnte zumindest getestet werden, wie die Märkte auf die Schlagzeile „Zins-Erhöhung“ reagieren. Der asiatische Aktienmarkt war das erste Versuchskaninchen und hat rund 2% verloren. In Europa und an der Wall Street gab es nach der Auftaktschwäche sogar leichte Gewinne.

Auch an den Devisen- und Rohstoffmärkten gab es nur in den ersten Stunden stärkere Turbulenzen. So hat sich der Euro im Tagesverlauf wieder stabilisiert. Der Markt scheint also reif zu sein für einen „echten“ Zins-Schritt, der 2010 dringend erforderlich ist.

Kleine Randnotiz: Interessanter Zeitpunkt der Veröffentlichung

Der zeitliche Ablauf zeigt mal wieder: Die US-Entscheidungsträger sind taktisch clever. Wichtige Entscheidungen werden oft nach dem Schlussgong an der Wall Street veröffentlicht. Dann können sich die Investoren zunächst in Asien und Europa austoben. Wenn die Wall Street dann am nächsten Tag wieder öffnet, hat sich der erste Sturm schon gelegt.


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