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Von der einfachen Information zur Ideologie

Traf unlängst einen guten Bekannten, der sich nicht nur gelegentlich, sondern sogar ziemlich oft Gedanken über den ökonomischen und politischen Zustand Deutschlands und der EU macht. Man könnte ihn ohne weiteres als einen gebildeten und neuerdings permanent „besorgten“ Mitbürger bezeichnen. Jemand aus der gehobenen Mittelschicht. Und jemand, der von sich behauptet, in politischen Angelegenheiten durchaus rational zu entscheiden und, was für ihn noch viel wichtiger ist: Er hält sich für einen unbefangenen, neutralen Beobachter.

Wer sich mit den Erkenntnissen der Verhaltensökonomik befasst, weiß, dass die meisten Menschen keine neutralen Analysten sind. Das gilt nicht nur für die Finanzmärkte, sondern auch für die Politik. So werden etwa bei wichtigen politischen Entscheidungen, wie etwa unlängst dem Brexit-Referendum, meist nicht Kosten oder Nutzen einer Entscheidung gegeneinander abgewogen. Vielmehr sind es am Ende die einfachen Parolen, Vorschläge oder Ideen, die den Ausschlag geben, wofür sich ein Wähler entscheidet. Interessanterweise handelt es sich dabei gleichzeitig um die Zutaten, aus denen Ideologien zusammengebraut werden.

Leicht verfügbare Information

Ideologien existieren und sind deswegen so einflussreich, weil sie einfach gestrickt, aber letztlich aus Informationseinheiten bestehen, die zum einen mental leicht verdaubar sind und zum anderen Menschen emotional ansprechen. Informationen, die sich schnell einprägen und einfach zu erinnern sind und sich deshalb auch schnell übermitteln lassen. Mit anderen Worten: Ideologien müssen leicht verfügbar sein, damit sie sich ausbreiten können. Aber es ist eben auch diese leichte Verfügbarkeit, die ganz schnell zu Irrtümern und einer fehlerhaften Bewertung der tatsächlichen Situation führen. Mit der Folge, dass Ideologien häufig herzlich wenig mit der Realität zu tun haben.

Familienideologien wirken lange

Dennoch beeinflussen Ideologien unser politisches Entscheidungsverhalten. Und zwar nicht nur das ihrer glühenden Verfechter bis hin zu unbelehrbaren Extremisten. Nein, eigentlich betrifft es jeden von uns. Selbst Menschen, die sich für weltoffen halten, richten sich nach bestimmten vorgefassten Ideen und Meinungen, deren Ursprung sich mitunter bis in die Kindheit zurückverfolgen lässt. So können dazu bestimmte Überzeugungen gehören, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat –weil sie zu mehr Wohlstand, zu einer Verbesserung in der sozialen Rangfolge geführt haben oder mit anderen positiven Erfahrungen und Belohnungen verbunden waren. Es lassen sich manchmal sogar regelrechte Familienideologien feststellen, die unbewusst viele Entscheidungen im späteren Leben beeinflussen können…

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GoldbergEin Beitrag von Joachim Goldberg.

Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander.

Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.

Bildquelle: Joachim Goldberg / dieboersenblogger.de


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