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Die nächste Rezession: Was kann eine Zentralbank noch tun?

Ob der Brexit gestern die Börsen wieder in die Knie gezwungen hat, sei dahingestellt. Blickt man über die tägliche Volatilität hinaus, dann ergeben derzeit ganz andere, wichtigere Fragen.

Die Nullzinsphase zieht sich schon seit Jahren in die Länge. So ist es nur eine Frage der Zeit bis ein Land auch unter Nullzinsen in die Rezession fällt.

Was kann eine Zentralbank im Nullzinsumfeld noch tun?

Die Frage, was eine Notenbank noch tun kann, wenn die Zinsen bereits sehr niedrig sind, beschäftigt Zentralbanker, Politiker und Ökonomen gleichermaßen. Die Antwort: keiner weiß es. Immerhin besteht nun die Möglichkeit, dass wir es in den kommenden Monaten herausfinden.

Nach dem Brexit-Votum gehen viele Prognosen von einer Rezession in Großbritannien aus. Vor dem Referendum lagen die Vorhersagen deutlich im positiven Bereich, wie die Grafik zeigt. Die meisten Prognosen sagten bis 2020 ein Wachstum im Bereich von 2 % voraus. Nun sieht die Sache anders aus.Quelle: www.guidants.com

Quelle: www.guidants.com

Die Abstimmung liegt noch nicht lange zurück. Es gibt daher noch keine Fülle an Vorhersagen, wie sich das Wachstum in den kommenden Jahren entwickeln wird. Einige wenige Prognosen gibt es jedoch – und sie zeigen kein schönes Bild. In der zweiten Jahreshälfte 2016 dürfte die Wirtschaft in Großbritannien schrumpfen. Dieser Trend setzt sich höchstwahrscheinlich 2017 fort.

Dem Vereinigten Königreich drohen mehrere Quartale an negativem Wachstum.

Weil die britische Währung stark verloren hat, dürfte es gleichzeitig zu einem Anstieg der Inflation kommen. Rezession und Inflation gleichzeitig, das sieht man selten. Es stellt die Notenbank vor große Herausforderungen.

Der Notenbankgouverneur der Bank of England Mark Carney stellte bereits eine Zinssenkung in Aussicht. Diese könnte bereits im Juli erfolgen, wenn die Notenbank in der kommenden Woche tagt. Die Notenbank will allerdings erst im August ihre neuen Wachstumsprognosen veröffentlichen. Ein Zinsschritt im Juli erscheint daher etwas voreilig.

Obwohl ungewiss ist, was die Zentralbank tun wird, reagierte der Markt prompt. Die angedeutete Zinssenkung sorgte für weiteren Druck auf das Pfund. Ebenso sanken die Renditen für britische Staatsanleihen. Die Rendite für zweijährige Anleihen sank kurzzeitig in den negativen Bereich. Die Rendite für zehnjährige Anleihen sank von 1,38 % auf zeitweise 0,8 %.

Der Markt scheint fest von einer Zinssenkung auszugehen. Carney gilt jedoch als zurückhaltend, was negative Zinsen anbelangt. Es ist daher gut möglich, dass die Bank of England (BoE) mehr alternative Instrumente verwenden wird. Dazu gehört eine Wiederaufnahme von Anleihenkäufen. Eine Senkung des aktuell gültigen Zinssatzes von 0,5 % auf 0 % ist vermutlich zu wenig, um „den Karren aus dem Dreck zu ziehen.“ Will die BoE der Konjunktur wirklich helfen, dann muss sie mehr tun.

Die bisherigen Andeutungen sind ziemlich unspektakulär. Die BoE wird sich aller Voraussicht nach traditioneller und erprobter Alternativinstrumente bedienen. Kreative Neukreationen an geldpolitischen Instrumenten sind derzeit nicht zu erwarten. Ob sie mit den bewährten Mitteln jedoch sehr weit kommt, kann man bezweifeln.

Neue Wege der Geldpolitik?

In den kommenden Wochen wird sich herauskristallisieren, ob die BoE vielleicht doch in eine ganz andere Richtung geht. Bisher sieht es jedoch so aus, als würde die Notenbank im Fall einer Rezession auf die bekannten Optionen zurückgreifen: Zinssenkung und Anleihenkäufe. Das muss nicht automatisch auch für andere Notenbanken gelten, doch mit hoher Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass auch die Fed und EZB in der nächsten Rezession mehr von dem tun werden, was sie bisher getan haben.

Was die Notenbanken tun werden, ist die eine Sache. Welche Wirkung die Maßnahmen haben, ist die andere. Dies wird im Falle Großbritanniens besonders spannend. Bereits jetzt hat das Pfund stark abgewertet, was der Wirtschaft unter die Arme greifen kann. Es ist bis zu einem gewissen Grad ein willkommener Währungsschock. Derzeit ist das Land noch in der EU, kann nun aber aufgrund der abgewerteten Währung besonders günstig in die übrige EU exportieren. Das kann den wirtschaftlichen Schock dämpfen. Es kann jedoch kaum die Investitionsbereitschaft der Unternehmen noch die Konsumlaune der Bürger befeuern. Da Großbritannien deutlich mehr importiert als exportiert, kann ein Exportboom wirklich nur einen kleinen Beitrag leisten.

Krisenbewältigung durch Währungsabwertung funktioniert nicht mehr

In anderen Währungsräumen haben weitere geldpolitische Lockerungen nicht mehr zu Währungsabwertungen geführt. In der nächsten Rezession kann man darauf also nicht automatisch zählen. Es reicht schon lange nicht mehr die Zinsen noch einmal um 10 oder 25 Basispunkte zu senken, um die Währung zu schwächen. Sich durch eine abwertende Währung aus einer Krise herauszuarbeiten wird immer schwieriger, um nicht zu sagen unmöglich.

Die Wirkung, die die Maßnahmen der BoE entfalten werden, dient bis zu einem gewissen Grad als Test dafür, was wir andernorts erwarten können. Verfehlt die Geldpolitik ihre Wirkung, dann wäre das eine bittere Erkenntnis für andere Notenbanken und den Markt.

Autor: Clemens Schmale, Finanzmarktanalyst bei GodmodeTrader.de

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Bildquelle: dieboersenblogger.de


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