“Die spinnen, die Briten!”

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Ja, ich gebe es gerne zu – als junger Mensch, so in der Phase der Adoleszenz, zählten die diversen Abenteuer von Asterix dem Gallier durchaus zu meiner bevorzugten Lektüre. Soweit man bei einem Comic von Lektüre sprechen kann. Allerdings sind die Texte und Zeichnungen des kongenialen Duos Uderzo und Goscinny derart intelligent und tiefsinnig, dass die Bezeichnung durchaus statthaft ist, wie ich finde. Außerdem hat Obelix ja so Recht, wenn er verwundert feststellt „Die spinnen, die Briten!“ Denn was war das bitte für eine merkwürdige Woche, seitdem die knappe Mehrheit des britischen Volkes den Ausstieg aus der Europäischen Union befürwortete? Schon einen Tag nach dem zunächst umjubelten Wahlergebnis durchfuhr ein kolossaler und vor allem kollektiver Schrecken die Aussteiger. Der große Katzenjammer, „BREGRET“ genannt, kam über’s Noch-United Kingdom, auch und vor allem deshalb, weil die Rädelsführer der Kampagne noch am Tag des Triumphs die ersten und wichtigsten Wahlversprechen als völlig haltlos kassierten. Im Laufe der Woche dann – pragmatisch sind sie ja, die Briten – setzte sich auf der Insel die Ansicht durch, dass dieses Referendum nun vielleicht doch wohl eher eine Art „Empfehlung“ gewesen sei und möglicherweise gar nicht umgesetzt werden wird. Ach ja, und wenn, dann nur in einer Art De-Luxe-Abkommen mit der EU, alle Rechte, keine Pflichten, isn’t it?! Der Gipfel der Groteske war die gestrige (feige?) Absage Boris Johnsons, nicht für das Amt des Premierministers kandidieren zu wollen. Die Suppe, die Johnson den Briten mit dem Votum für den Ausstieg eingebrockt hat, dürfen jetzt andere auslöffeln. Mahlzeit! Den EU-Granden schmeckt sie offenbar nicht, wie an den säuerlichen Mienen in Brüssel abzulesen war. Und auch an den Märkten fällt das Urteil durchwachsen aus:

Götterdämmerung

In Krisenzeiten gibt es ja immer diese Kriegsgewinnler, die ihren Hals aus jeder Schlinge ziehen und zum Schluss sogar auf gar wundersame Weise die Taschen voller Gold haben. Und es gibt die Verlierer, die wirklich jede Breitseite voll erwischt und denen am Ende oft nicht mal mehr die Hoffnung bleibt. Im aktuellen Fall ist das die Bankenbranche, der es an den Kragen geht. Der EURO STOXX-Bankenindex (WKN: 965842 / ISIN: EU0009658426) rutschte innerhalb von einer Woche um 19 Prozent ab, zeitweise betrugen die Verluste gar rund 25 Prozent. Besonders gebeutelt hat es dabei die Deutsche Bank, ehemals stolzes Flaggschiff der deutschen Geldhäuser. Für die Frankfurter brach in dieser Woche so etwas wie eine Götterdämmerung an, das gestrige Tagestief bei 12,05 Euro markierte gleichzeitig den niedrigsten Stand aller Zeiten. Für John Cryan, den Briten an der Spitze des deutschen Branchenprimus, ein weiterer Tiefschlag, für den er seinen Landsleuten sicherlich nur wenig Dank entgegen bringen dürfte. Da hat der alte Fuchs George Soros doch tatsächlich wieder einmal den richtigen Riecher gehabt, denn der hatte, wie in dieser Woche bekannt wurde, rund 100 Millionen Euro auf einen Kursabsturz der Deutschen Bank gesetzt – und gewonnen. Doch es gab noch andere Gewinner in den vergangenen Tagen:

Ganz schön übertrieben

Christian Kahler, Chefstratege Aktien und Asset Allocation der DZ Bank, bezifferte den weltweiten Verlust an Börsenwerten durch den BREXIT vor einer Woche mit 5 Billionen US-Dollar, davon knapp 100 Milliarden Euro alleine in Deutschland. Diese Zahlen konnten mittlerweile schon revidiert werden, zur Wochenmitte waren es laut DZ Bank etwa 2,5 Billionen, die nach dem Votum der Briten weltweit verbrannt worden sind. Denn die Märkte haben den größten Schock verdaut und die Abwärtsspirale erst einmal gestoppt. Für den DAX bedeutet das – die 9.300er-Unterstützung hat gerade noch gehalten, das Tief bei 9.214,10 Punkten vom Montag markierte zwar den niedrigsten Stand seit Februar, der bisherige Jahrestiefststand bei 8.699,29 vom 11. Februar war jedoch nie, nicht einmal ansatzweise, in Reichweite. Die Reaktionen auf Britanniens Ausstieg waren also vordergründig vor allem eines – eine hemmungslose Übertreibung. Allerdings sollte die Krise jetzt nicht allzu voreilig abgehakt werden, denn beim Blick auf die Kurstreiber dieser Woche im DAX (die gesamte Übersicht sehen Sie hier in den Prime Quants Kurslisten) zeigen sich die Versorger (RWE +13,57, E.ON +6,49 Prozent) und Deutsche Telekom (+8,72 Prozent) ganz vorne. Die rangieren üblicherweise weiter hinten, weshalb wir die Erholung im deutschen Leitindex vorerst noch mit einer gewissen Skepsis betrachten. Der Blick ins letzte Drittel macht nämlich deutlich, dass vor allem die Autobauer und natürlich die Banken noch nicht wieder aus dem Krisenmodus heraus sind. Fakt ist zudem – dieser Juni war mit einem Minus von 5,68 Prozent der drittschlechteste aller Zeiten im DAX, da hat der Juli einiges wieder gut zu machen!

PrimequantsEin Beitrag von Sebastian Jonkisch von Prime Quants

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