Der Brexit – was alles (nicht) passieren könnte

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Bildquelle: dieboersenblogger.de

Das Thema ist voll en Vogue. Da sind die Marktvolumina gering, die Stimmung besch…eiden – und stets wird seit Wochen die Sau namens Brexit durch das Dorf gejagt. Die andere Sau „Grexit“ haben wir ja bereits auf dem Altar der internationalen Finanzmärkte geschlachtet – das Thema ist als Entschuldigung für den Markt durch. Komisch ist, dass es trotz des Austritts-Szenarios der Briten derzeit an den Börsen so richtig spannend werden könnte – und zwar nach oben.

Bei unseren Lesern spielt das Thema Brexit ebenfalls eine Rolle. Die Mehrheit geht derzeit allerdings nicht von einem Brexit aus, wie unsere aktuelle Umfrage zeigt. Derzeit gehen 66 Prozent der abgegebenen 179 Stimmen nicht von einem Brexit aus Stand (9.6.16 um 15.30 Uhr).

Rechnen Sie mit einem EU-Austritt Großbritanniens (Brexit)?

  • Ja (52%, 627 Votes)
  • Nein (48%, 578 Votes)

Total Voters: 1.205

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Seitens der täglichen Marktberichte wird natürlich das Thema beleuchtet. Wie beispielsweise bei CMC Markets. Jochen Stanzl dazu: „…Vielen Investoren ist der Deutsche Aktienindex auf dem aktuellen Niveau zu teuer. Kauft man jetzt, holt man sich das Risiko eines Austritts Großbritanniens aus der EU ins Depot. Kommt die Korrektur, wenn die Briten für den Brexit stimmen, kann man höchstwahrscheinlich deutsche Aktien zu günstigeren Kursen erwerben. Der Aktienmarkt ist damit in einem Dilemma gefangen. Keine Anlegergruppe will sich bewegen, auch die Bären nicht. Leerverkaufspositionen tragen schließlich das Risiko einer Rally in sich, sollte Großbritannien doch in der EU bleiben wollen.“ Stanzl ist aber einer der wenigen, der einen Fakt mal klar aufdeckt:

Wir sind eigentlich kurz vor einer Sommer-Hausse, denn die US-Indizes sind keine 5 Prozent mehr von Ihren Alltime-Highs entfernt. Er schreibt: „Interessanterweise sieht man die Brexit-Gefahren mit zunehmender geographischer Distanz als weniger riskant an. Der amerikanische S&P 500 schloss gestern auf einem neuen Jahreshoch.“

Die LGT Bank wiederum diskutiert in einer Anlagenidel ebenfalls die möglichen Folgen eines Ausscheidens Grossbritanniens aus der EU. „Bis jetzt können wir feststellen, dass das anstehende Referendum für hohe Unsicherheit und erhöhte Volatilität sorgt. Die exportsensitive britische Wirtschaft ist mit dem grössten Risiko im Finanzdienstleistungssektor konfrontiert. Beobachtete und zukünftige Marktreaktionen drehen sich vor allem um das britische Pfund.“

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Kommt der Brexit oder kommt er nicht?

Auch die Helaba hat das Thema auf dem Schirm. In einer aktuellen Einschätzung schreiben deren Volkswirte als Zusammenfassung: „Das Referendum über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens steht demnächst an, am 23. Juni. Derzeit tobt der Wahlkampf, in dem zumeist die negativen Botschaften dominieren. Sollten sich die Briten für den EU-Austritt entscheiden, könnten die politischen, aber auch die wirtschaftlichen Folgen gravierend ausfallen – in Abhängigkeit vom neuen Verhältnis Großbritanniens zur EU. Im Fall einer Trennung im Konflikt wären die wirtschaftlichen Nachteile für Großbritannien erheblich. Selbst wenn sich das Land mit der EU auf einen Kompromiss einigt, dürfte die britische Wirtschaft temporär leiden, Horrorszenarien blieben dann aber aus. Während die Umfra-gen weiter ein Kopf-an-Kopf-Rennen zeigen, sehen die Buchmacher eine geringere Chance auf den „Brexit“. Das wahrscheinlichere Szenario ist ein Verbleib Großbritanniens in der EU.“

Ein Zwischenfazit: So richtig genau will keiner sagen, dass wir an den Märkten einen Sale off, bekommen, nur weil die Briten es sich mit der EU anders überlegen könnten. Packen wir das Thema von einer anderen Seite an:

Seitens der Politikwissenschaft hat sich zuletzt der Freiburger Historiker Franz-Josef Brüggemeier über die Hintergründe des Referendums geäußert. Unter anderem sagte er: „Diese Abstimmung ist einerseits nur aus der besonderen Situation in Großbritannien zu verstehen, andererseits zeigt sie aber auch die großen Probleme auf, vor denen die Europäische Union steht.“ Und weiter:

Angesichts dieser Probleme möchten viele Europäerinnen und Europäer auf dem Kontinent die Institutionen in Brüssel stärken und einheitlicher handeln. „Aus Sicht zahlreicher Britinnen und Briten ist es verständlich, dass andere europäische Staaten bereit sind, ihre politischen Institutionen entsprechend zu verändern“, sagt Brüggemeier. „In Großbritannien hingegen bestehen die grundlegenden politischen Institutionen seit 300 Jahren und länger und haben in dieser Zeit zwar wichtige Änderungen erfahren, sich im Kern aber bewährt.“ Vergleichbare Traditionen bestünden in keinem der anderen großen europäischen Länder, die allein im 20. Jahrhundert mehrere, teils abrupte und gewaltsame Systemwechsel erlebt haben. Entsprechend möchten die Brexit-Befürworterinnen und -Befürworter im Vereinigten Königreich ihre Institutionen zwar anpassen, wo dies erforderlich ist, darüber aber selbst entscheiden und nicht in einer EU bleiben, die für Brüssel größere Macht und Kompetenzen beansprucht. Er ergänzt außerdem:

„Zugleich sind einige der Brexit-Befürworter Anhängerinnen und Anhänger eines engstirnigen Nationalismus und etwas merkwürdige Zeitgenossen. Doch es gibt auch viele ernstzunehmende Briten, die für den Brexit, aber nicht grundsätzlich gegen Europa sind“, so Brüggemeier. Diese zweite Gruppe würde Fragen aufgreifen, die auch auf dem Kontinent diskutiert werden: „Europa steckt in einer Krise, auch ganz unabhängig von britischen Kritikerinnen und Kritikern.“ Wenn der Brexit stattfindet, gehe es nicht nur darum, was mit dem Vereinigten Königreich passiert, betont der Historiker: „Genauso wichtig ist die Frage, welches Europa die anderen Länder Europas wollen. Es kann durchaus sein, dass auch bei ihnen eine Mehrheit gegen eine zunehmende Zentralisierung ist und stattdessen ein schlankes Europa möchte.“

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