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Schon wieder: „Chart of Doom“

Es mag derzeit sicherlich mehr gute Gründe für einen bearishen als einen bullishen Aktienmarkt geben. Auch ich gehöre eher zu den mittelfristigen Skeptikern. Aber als ich am vergangenen Wochenende in der Internetausgabe der Zeitung Die Welt las, dass tatsächlich die Pessimisten das Sagen hätten und das Ganze auch noch mit einer so genannten „Chart of Doom“ belegt wurde, hielt es mich mental nicht mehr auf meinem Bürostuhl.

Ich guckte mir das angebliche Horrorszenario an und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da wurden wieder einmal zwei Chartkurven übereinandergelegt und die Entwicklung des US-Aktienindex S&P 500 seit August 2015 bis heute mit der Entwicklung desselben Index ab August 2008 bis September 2009 verglichen. Die fürchterliche Erkenntnis: Der große Crash soll angeblich erst noch vor uns liegen, erkennbar an einer in die Zukunft projizierten blauen Linie. Daran änderte auch ein dankenswerter Hinweis eines Facebook-Freundes nichts, dass es sich bei dem Startpunkt der zweiten Kurve auf der bei welt.de gezeigten Chart offenbar um einen Fehler handeln müsse, denn eigentlich sollte der gezeigte Verlauf der blauen Kurve wohl bereits im August 2007 beginnen. Auch wurden wieder einmal arithmetische Skalen übereinandergelegt, statt mit einer logarithmischen Skala zumindest Kursveränderungen prozentual miteinander vergleichbar machen zu können.

Aber halten wir uns nicht mit analytischen Petitessen auf, wenn es ums große Bild geht, wird mir jetzt wahrscheinlich gleich jemand entgegenhalten.

Abgesehen davon, dass ich derlei Prognoseverfahren rundweg ablehne, gewinne ich manchmal den Eindruck, dass mancher Börsianer sich einen Crash geradezu herbeisehnt. Ist das etwa die selektive Wahrnehmung, derjenigen, die solche Horrorszenarien seit Jahren verbreiten, weil sie entsprechend positioniert oder einfach nur Recht behalten wollen?

Hierzu möchte ich Ihnen gerne aus zwei meiner Beiträge vom 29. August 2011 und vom 20. Februar 2014 zitieren, nachdem es damals an den US-Aktienmärkten kräftig geknallt bzw. es eine kräftige Korrektur gegeben hatte. (Die kompletten Beiträge finden Sie HIER und HIER). Bis heute hat sich an meiner Einstellung dazu nichts geändert:

Zweifelhafter Geschichtsunterricht – 29. August 2011

„In den vergangenen Wochen bin ich immer wieder gefragt worden, ob denn die Situation an den Börsen, insbesondere die Entwicklung des DAX, mit den Ereignissen des Jahres 2008 verglichen werden könnte. Wahrscheinlich weil der jüngste Kursverfall für viele Akteure nicht mehr erklärbar ist. Denn außer den Theorien, Wurstfinger, Computerprogramme oder gar ein Jérôme-Kerviel-Double hätten wieder einmal für fallende Aktienkurse gesorgt, ist nicht allzu viel zu vernehmen. Und so – das mag ein Symptom für Kontrolldefizite bei den Händlern sein – verfällt man immer wieder in historische Vergleiche.

So forderte mich neulich ein Journalist auf, ich solle doch einmal alle wichtigen Börsen- und Finanzkrisen aufzählen und dann einen Vergleich mit der jetzigen Situation ziehen. Also ging ich in Gedanken rückwärts…

Auf www.der-goldberg.de geht es weiter

GoldbergEin Beitrag von Joachim Goldberg.

Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander.
Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.

Bildquelle: dieboersenblogger.de


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