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Mindestlohn ist nicht nur Fluch für Arbeitgeber

Dass das gerade abgelaufene Jahr 2015 auch im Zeichen des in Deutschland nunmehr eingeführten Mindestlohns stand, habe ich zum Beispiel bemerkt, als ich im Sommer mit einem Freund zu den Händel-Festspielen nach Halle reiste. Damals hatten wir mit der Deutschen Bahn AG wieder einmal Schiffbruch erlitten. Gott sei Dank nicht irgendwo auf freier Strecke, sondern in einer Ortschaft, so dass wir angesichts einer angekündigten Wartezeit von mehr als zwei Stunden kurzerhand beschlossen, unsere Reise im Taxi fortzusetzen. Der Kilometerpreis vor Ort sollte 3,10 Euro betragen – für deutsche Verhältnisse ein Rekord. An allem sei nur die Frau Nahles schuld, bedeutete uns der Taxifahrer mit unschuldigem Blick. Ein Mindestlohn von 8,50 Euro müsse erst einmal erwirtschaftet werden. Und auch andernorts, wo nun die Taxipreise ebenfalls, wenn auch etwas moderater angehoben wurden, jammerten einige Fahrer, in der Zeit vor dem Mindestlohn sei alles besser gewesen. Da hätte man viel besser und vor allem leistungsgerecht verdient. Wer sich angestrengt und viele Fahrten angenommen habe, hätte immerhin einen guten Teil des Umsatzes sein Eigen nennen können. Jetzt verdienten die Faulen genauso viel wie die Fleißigen.

Nun kann man über Mindestlöhne denken, wie man will. Die einen halten sie für einen störenden staatlichen Eingriff in den freien Markt, die anderen für sozial gerechtfertigt. Aber als ich kürzlich hörte, dass das Mindestlohnmodell von seinen Erfindern als Erfolg gefeiert wurde und man aus Gewerkschaftskreisen vernimmt, dass eigentlich ein Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde angemessen sei, dachte ich mir in einer ersten, möglicherweise vorschnellen Reaktion: „Die langen aber ganz schön kräftig hin.“

Nun dann traf ich unlängst einen jungen portugiesischen Ingenieur, der gerade seine Ausbildung mit einem zweiten akademischen Abschluss an einer angesehenen internationalen Hochschule beendet hatte. Wir kamen ins Gespräch, und er sagte mir, er könne von seinem monatlichen Einkommen in Frankfurt kaum leben. Als ich dann erfuhr, dass sein Arbeitgeber ihm vollmundig erklärt habe, er würde immerhin Mindestlohn bekommen und sei daher gut bezahlt, kam ich ins Grübeln. Der Chef hatte seinem Angestellten ein halbleeres Glas für halbvoll verkauft.

Anker in beide Richtungen

Schließlich wollte ich es genauer wissen und stieß auf eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich auf Daten der OECD stützt, wonach der in Deutschland eingeführte Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde etwas mehr als der Hälfte des mittleren Stundenlohns eines Vollzeitbeschäftigten im Jahre 2012 entspricht. Außerdem verweist die Studie auf die wichtige Ankerfunktion für die Lohnstruktur eines Landes oder die Gestaltung von Tarifverträgen…

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GoldbergEin Beitrag von Joachim Goldberg.

Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander.
Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.

Bildquelle: dieboersenblogger.de


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