Schlussgong: 4. Dezember 2009 – Ein Börsentag fürs Lehrbuch

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Was für ein Börsentag! Ein DAX-Plus von 0,8% und ein Mini-Gewinn von 0,2% im Dow Jones wirken langweilig, aber die Geschichten dahinter sind reif fürs Lehrbuch.

Wie gestern hier im Schlussgong erwartet, eröffnete der DAX mit Abschlägen. Der deutsche Leitindex dümpelte lustlos vor sich hin. Doch dann wurden am Nachmittag die neuen Daten vom US-Arbeitsmarkt veröffentlicht. Die “Sensation”: Zum ersten Mal seit Monaten keine Schreckensmeldungen. Der rasante Arbeitsplatzabbau wurde gestoppt. Die offizielle Arbeitslosenquote sank sogar von 10,2 auf 10,0% (die inoffizielle Quote liegt bei rund 17%, aber das will in diesen Tagen niemand wissen).

Wie eine Rakete schoss der DAX-Chart senkrecht nach oben. Lag der DAX Minuten vorher bei 5.740 Punkten, blinkten plötzlich 5.840 Punkte auf. Ein sattes Plus von 100 Punkten. Das Jahreshoch war plötzlich wieder in greifbarer Nähe. Aber auch heute scheiterte der Angriff. Immerhin konnte der DAX dieses Mal die Marke von 5.800 Punkten knapp verteidigen.

Arbeitsmarktdaten und Zinsgerüchte lösen Achterbahnfahrt aus

Noch viel interessanter war die Entwicklung am amerikanischen Aktienmarkt: Zunächst machte auch der Dow Jones einen Sprung nach oben und erreichte das Tageshoch bei 10.516 Punkten. 150 Punkte Aufschlag zur Feier des Tages. Doch dann brach der US-Index ganz plötzlich ein. Bei 10.300 Punkten konnte der freie Fall gestoppt werden. Der Dow lag im Minus.

Was war geschehen? Zuerst feierte die Wall Street die unerwartet guten Arbeitsmarktdaten. Doch dann machte das böse “Z-Wort” blitzartig die Runde: Zinserhöhung! Wenn die US-Konjunktur tatsächlich wieder anspringt, könnte die für Banken so schöne Zeit der Null-Zins-Politik nicht erst Ende 2010, sondern schon im 1. Halbjahr 2010 vorbei sein. Ein Schock für viele Investoren. Es soll plötzlich wieder etwas kosten, wenn sich Banken Geld leihen.

Spontane Neubewertung von Aktien, Edelmetallen und Währungen

Blitzartig wurde das Standardprogramm bei drohenden Zinserhöhungen abgespult: Aktien wurden verkauft (hohe Zinsen sind für Unternehmen und damit auch für die Unternehmensanteile schlecht), Gold wurde verkauft (da Gold keine Erträge abwirft, verliert diese Anlageklasse an Attraktivität, wenn die Anleihen mit höheren Zins-Kupons ausgestattet werden).

Und natürlich zog die US-Währung kräftig an. Morgens musste man noch knapp 1,51 USD je Euro zahlen, abends nur noch gut 1,48 USD je Euro. Dafür gibt es 2 Gründe: Zum einen die Erwartung, dass USD-Anleihen bald höhere Zinsen abwerfen, zum anderen stützt die Hoffnung, dass sich die US-Wirtschaft erholt.

Goldpreis sinkt um 50 USD – nächste Woche gute Trading-Chancen

Die Angst vor steigenden Zinsen und einem stabileren USD haben dem Goldpreis einen starken Dämpfer verpasst. Der Preis je Unze sank von 1.210 auf 1.160 USD. 50 USD weniger als am Vortag. Das ist eine Hausnummer.

Der Goldpreis bleibt damit spannend: Wenn sich der heutige Trend nächste Woche fortsetzt, empfehle ich Ihnen, kurzfristige Gold-Positionen aufzulösen. Schafft der Goldpreis dagegen nächste Woche ein Comeback, wäre das ein klares Zeichen von Stärke. Es dürften sich auf der Long- oder der Short-Seite interessante Trading-Möglichkeiten ergeben. Das wird sich Montag oder Dienstag entscheiden.

Riesige Umschichtungen nach unsicheren Zahlen

Wie Sie sehen, kann eine einfache Konjunkturmeldung eine ganze Kettenreaktion auslösen: Leicht verbesserte US-Arbeitsmarktdaten > Angst vor Zinserhöhung > fallende Aktienkurse > steigender USD-Kurs > sinkende Edelmetallpreise. Das ganze Programm wurde heute fast automatisch innerhalb von Minuten abgespult.

Dabei wissen wir gar nicht, ob die Arbeitsmarktdaten tatsächlich belastbar sind. Denken Sie nur an die BIP-Schätzung für das 3. Quartal zurück. Erst wurde ein üppiges Wachstum von 3,5% verkündet, wenige Tage später wurde der Wert auf 2,8% gesenkt. Und auch dieser Wert ist noch nicht endgültig.

Auch die US-Notenbank kennt die “Qualitäten” der heimischen Statistiken und wird am Wochenende nicht direkt eine Eil-Sitzung einberufen, um eine Zinserhöhung zu beschließen. Und selbst wenn die Zinsen steigen: Dann verlässt die Fed den Null-Zins-Bereich. Eine Erhöhung der Leitzinsen auf 0,50% wird die Finanzierungskosten nicht explodieren lassen.

Meine Einschätzung: Steigende Zinsen sind gut!

Ich bewerte die Zins-Frage pragmatisch: Eine Null-Zins-Politik bedeutet, dass eine Volkswirtschaft schwer krank ist und massiv mit Doping-Mitteln gestützt werden muss. Kurzfristig hilfreich, mittel- und langfristig pures Gift.

Wenn jetzt die Zinsen wieder langsam auf 3% + x erhöht werden, dann zeigt das, dass die Volkswirtschaft wieder auf eigenen Beinen stehen kann und halbwegs gesund ist. Das Tempo der Zinserhöhungen sollte moderat sein, damit sich der Markt darauf einstellen kann, der Trend muss aber nach oben gehen.

Steigende Zinsen und steigende Aktienkurse sind daher auch kein Widerspruch: Wenn sich die Volkswirtschaft von der schweren Krankheit erholt, werden auch die Unternehmen mehr Geld verdienen. Ein Zinsaufschlag von 3% ist dann leicht verdient. Daher halte ich die Panik-Aktionen nach Zinsgerüchten für sinnlosen Aktionismus. Genießen Sie lieber ein ruhiges Wochenende in der Adventszeit.


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