Jahresendrallye – Ja oder Nein?

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Die Weltwirtschaft zeigt sich weiter verhalten. So hat der IWF seine globale Wachstumsprognosen für 2015 von 3,3 auf 3,1 Prozent und für 2016 von 3,8 auf 3,6 Prozent gekürzt. Laut Finanzdatenanbieter Sentix haben die Konjunkturerwartungen der nächsten sechs Monate für die Eurozone, Deutschland und die USA deutlich nachgegeben. In Japan haben sich die Erwartungen für eine Konjunkturschrumpfung zuletzt sogar verstärkt. Immerhin hat sich in der Einschätzung der asiatischen Konjunktur eine positive Kehrtwendung ergeben: Erstmals seit Frühjahr geht die Mehrheit der von Sentix befragten Analysten nicht mehr von einem Schrumpfungsprozess aus.

Vor dem Hintergrund des weltwirtschaftlich schwachen Umfelds nimmt der Deflationsdruck wieder zu: Die Inflationserwartungen fallen seit Mitte des Jahres spürbar. Offensichtlich haben die ergriffenen Liquiditätsmaßnahmen der großen internationalen Notenbanken ihre beabsichtigte preistreibende Wirkung bislang klar verfehlt. Eine verstärkte Liquiditätsoffensive z.B. der EZB, die langfristig eine noch direktere Staatsfinanzierung zum Ziel hat, ist zu erwarten.

Insofern werden Staats-, Industrie- und Bankanleihen oder Jumbo-Pfandbriefe zwar keine neuen Renditetiefstände mehr erreichen. Eine spürbare Trendwende nach oben wird aber ausbleiben. Allein schon um die Finanzierbarkeit der überschuldeten Länder u.a. in der Eurozone zu gewährleisten, können die Renditen im bestehenden Finanzsystem niemals mehr wirklich ansteigen. Und mit Blick auf die ansonsten zu platzen drohende, größte Anlageblase der Welt – die Rentenblase – gibt es ohnehin ein finanzsystemisch schlagendes Argument gegen eine Renditewende. Auf eine Attraktivitätssteigerung von Zinsanlagen braucht kein Anleger zu warten.

Europäischen Aktien ist vor den USA Vorzug zu geben

Mit bescheidenen Aussichten für Zinspapiere fällt der Blick auf die größte Alternativanlageklasse Aktien. Sicherlich wird Deutschland als von der Weltkonjunktur abhängiger Aktienmarkt von der aktuellen Verunsicherung in den Schwellenländern vor allem mental, im Kopfkino der Anleger geschwächt. Die im August gegenüber dem Vormonat um 5,2 Prozent rückläufigen deutschen Ausfuhren bestätigen diese Einschätzung. Allein in diesem Jahr ist über die gefallenen Rohstoffpreise von einem Kaufkraftverlust der Emerging Marktes von über einer Billion US-Dollar auszugehen.

Doch führen die gesunkenen Rohstoffpreise und ein vergleichsweise günstiger Euro mindestens zu Margenverbesserungen der konjunkturzyklischen und exportorientierten Unternehmen und Kaufkraftverbesserungen der Konsumenten. Aufgrund der Euro-Krise hat Europa sicherlich auch konjunkturelles Nachholpotenzial.

Für die europäischen Aktienmärkte spricht zusätzlich, dass es kein erneutes Hochkochen der Euro-Finanzkrise wie im Frühjahr/Sommer im Zusammenhang mit Griechenland geben wird. Wegen der Unfähigkeit der EU zu einer solidarischen Lösung der Flüchtlingskrise zu kommen und angesichts der Zerfallserscheinungen Europas in Großbritannien, aber selbst auch in Frankreich, wäre eine weitere finanzwirtschaftliche Erschütterung Wasser auf die Mühlen der Europa-Skeptiker. Der Zwang zur Realpolitik lässt Europäische Stabilitätskultur nur noch in Sonntagsreden zu.

Hilfreich für das europäische Aktienumfeld ist nicht zuletzt die EZB, die ihren Gipfel der geldpolitischen Lust gegenüber der Fed noch nicht erreicht hat.

Die Betrachtung des Gewinnwachstums trägt dieser fundamentalen Einschätzung Rechnung. Gegenüber den USA, China sowie Brasilien haben Deutschland und die Eurozone die Nase vorn.

Die zinspolitische Stütze der USA bleibt erhalten

Die Zweifel an der Stabilität der US-Konjunktur häufen sich. Vor allem der in den USA bedeutende Energiesektor bekommt die Schwäche des Ölpreises zu spüren. Niederschlag findet diese Entwicklung u.a. in einem seit Jahresbeginn im Trend nachgebenden Stimmungsindikator des Verarbeitenden Gewerbes laut ISM, der sich wiederum in schrumpfenden Unternehmensgewinnen bemerkbar macht.

Daher sind markante US-Leitzinserhöhungen wie 1999/2000 und insbesondere zwischen 2004 und 2006 seitens der Fed-Chefin Yellen nicht zu erwarten. Denn das wäre finanz- und realwirtschaftlicher Selbstmord nicht nur in den USA, sondern weltweit. Den Aktienmärkten bleibt einstweilen sogar die kleine Leitzinswende der Fed erspart. Darauf deuten die letzten Aussagen der Fed hin. Wenn überhaupt wird diese auf den späteren Jahresverlauf 2016 verschoben. Das liegt nicht nur an der zuletzt deutlich weniger dynamischen Entwicklung am US-Arbeitsmarkt. Die Fed betont immer wieder die Konjunkturrisiken in den Schwellenländern. Denn bei einer Leitzinswende in den USA wäre über attraktivere US-Zinschancen bei gleichzeitigen Währungsgewinnen der Kapitalflucht aus den Schwellenländern Tür und Tor geöffnet. Damit würde die Fed auch die US-Exportwirtschaft schwächen.

Asien kommt auf die finanz- und geldpolitische Intensivstation

Die Konjunkturskepsis gegenüber den Schwellenländern hält an. Doch immense Konjunkturprogramme, finanziert durch Devisenreserven und den Staatshaushalt – Chinas Staatsverschuldung ist mit gut 40 Prozent vergleichsweise gering – sollen den grundsätzlich schwierigen Übergang von Export und Anlagen getriebenen Volkswirtschaften hin zu nachhaltigen Konsumgesellschaften bewerkstelligen. Der Zentralbank Chinas kommt neben der wirtschaftsstützenden Rolle auch eine entscheidende Bedeutung bei hoch verschuldeten Unternehmen zu. Eine Wiederholung der Asien-Krise von 1997/98 ist nicht zu erwarten.

Aktuell bereits sorgen die administrativen bzw. geldpolitischen Maßnahmen Chinas für eine klare, wenn auch planwirtschaftliche Stabilisierung des Shanghai Composite-Aktienindex: Die Marke von 3.000 Punkten erweist sich als robuste Unterstützung. So sind Risiken, dass ein Aktiencrash über die damit verbundene Liquiditätspräferenz auch die Kredit- und Immobilienblase platzen lassen könnte, deutlich in den Hintergrund getreten.

Nicht zuletzt hat die Einschätzung mindestens der Verschiebung der Leitzinswende zu einer Stabilisierung der Währungen der Schwellenländer gegenüber dem US-Dollar geführt. Der Schuldendienst der mehrheitlich auf US-Dollar-Basis aufgenommenen Kredite wird insofern erleichtert.

Realwirtschaftliche Schwankungen werden in China & Co. nicht ausbleiben. Doch die ergriffenen Gegenmaßnahmen und die bedächtige US-Zinspolitik befürworten die nachhaltige Stabilisierung insbesondere Chinas. Immerhin haben die Konjunkturerwartungen in den asiatischen Schwellenländern ihre Eintrübung zuletzt nicht weiter fortgesetzt, was bereits in ersten Erholungserscheinungen an den asiatischen Schwellenländer-Aktienmärkten zum Ausdruck kommt.

Aktuelle Marktlage und Anlegerstimmung: Anleger gehen wieder ins Risiko

Krisen wie China, VW, US-Zinswende und die Bewältigung der Flüchtlingskrise bleiben zwar potenzielle Belastungsfaktoren an den Kapitalmärkten. Doch ist mit einer allmählichen Abarbeitung der Konfliktpotenziale zu rechnen. Unternehmensspezifische Belastungsfaktoren bei VW werden jetzt angegangen. Über das Ergebnis kann man zwar noch nichts Genaues sagen. Aber klar ist, dass das Image „Made in Germany“ nicht nachhaltig beschädigt ist. Der hohe Quartalsverlust bei der Deutschen Bank sollte ebenso im Licht der Abschreibungen im Investment Banking und der Postbank betrachtet werden: Möglichst viele Altlasten sollen noch in diesem Jahr abgeworfen werden, um im Rahmen des Führungswechsels mit einem radikalen Neustart auf die veränderten Rahmenbedingungen im stark regulierten Bankensektor zu reagieren. Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

Die geldpolitische Liquiditätshausse beleibt angesichts der Zinsschwäche so etwas wie die Aorta der Aktienmärkte. Eine Rückkehrt der Geldpolitik zur Normalität ist nicht möglich. Im Gegenteil, eine noch weitere Anomalität ist höchst wahrscheinlich.

Ein ermutigendes Zeichen für den deutschen Aktienmarkt ist auch die Wiederbelebung konjunkturzyklischer Börsengänge in dieser Woche. Dass diese in einem aktuell volatilen Aktienumfeld stattfinden ist ein Vertrauensbeweis für Corporate Germany und Made in Germany.

Insgesamt ist von einer Jahresend-Rallye auszugehen, die den DAX bis ca. 10.800 Punkten führen kann.

Charttechnik DAX und Euro Stoxx 50: Erholung in Sicht

Aus charttechnischer Sicht sprechen im DAX die starke Unterstützung im Bereich der 9.300 Punkte und die stark überverkaufte Lage für eine Erholung. Kann der DAX die breite Widerstandszone zwischen 9.935 und 10.079 Punkten verteidigen, rücken weitere Hürden zwischen rund 10.400 und 10.652 in den Vordergrund. Sollten auf der Unterseite die Unterstützung bei rund 9.800 Punkten sowie die darunter liegende Unterstützungszone im Bereich um 9.300 Punkte durchbrochen werden, müssen Abgaben bis zu den nächsten nennenswerten Haltelinien bei 8.900 und 8.500 Punkten einkalkuliert werden. Der seit 2009 bestehende langfristige Aufwärtstrend verläuft derzeit bei 8.380 Punkten.

Der Euro Stoxx 50 dürfte zumindest kurzfristig das Schlimmste überstanden haben. Auf der Oberseite trifft er zwischen 3.290 und 3.325 Punkten auf die erste nennenswerte Hürde. Darüber warten die nächsten Barrieren im Bereich zwischen 3.417 und 3.473 Punkten. Sollte der Index trotz der kurzfristig positiven Situation unter die Auffangzone zwischen 3.000 und 2.970 Punkten fallen, muss ein Rutsch bis zu den nächsten Unterstützungen bei 2.850 und 2.790 Punkten einkalkuliert werden.

Und was passiert in KW 42?

Auf Unternehmensebene kommt die Berichtsaison für das zurückliegende III. Quartal 2015 in Fahrt. Die US-Banken JPMorgan, Bank of America, Goldman Sachs und Citigroup dürften unter einem schwächeren Handelsgeschäft gelitten haben, während Wells Fargo die weiterhin sinkende Kredit-Refinanzierung im US-Energiesektor zu spüren bekommt. Bei Intel drückt das weiterhin schwache PC-Geschäft auf den Gewinn. Mit Spannung ist abzuwarten, inwieweit sich die globale Wachstumsschwäche in den Zahlen von General Electric – einem Frühindikator auf Einzelwertebene – niedergeschlagen hat.

Schwache Im- und Exportzahlen verdeutlichen Chinas Konjunkturprobleme

In den USA unterstreicht nur eine Stabilisierung des Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe der Philadelphia Fed auf niedrigerem Niveau und eine schrumpfende Industrieproduktion den Gegenwind für die US-Industrie. Immerhin hält sich der Konsum gemäß Einzelhandelsumsätzen und Verbrauchervertrauen der Universität von Michigan stabil. Der Fokus der Anleger wird auf den Konjunkturbericht der Fed (Beige Book) und die erneut schwachen Inflationsdaten fallen, die eine Zinsanhebung in diesem Jahr ausschließen.

In der Eurozone werden erneut schwache Inflationsdaten die EZB bestärken, eine Liquiditätsausweitung vorzunehmen. Die ZEW Konjunkturerwartungen für Deutschland fallen noch verhalten aus.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128

Bildquelle: Baader Bank / dieboersenblogger.de


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