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VW-Skandal: Börsengewitter geht rasch wieder vorbei!

Von über 150 Euro auf rund 100 Euro ist die Volkswagen-Aktie in den letzten Tagen also abgestürzt, weil das Unternehmen von der US-Umweltbehörde EPA in Zusammenhang mit „geschönten“ Abgaswerten bei Dieselfahrzeugen gebracht wird. Von VW wurde die Motorenregelung so programmiert, dass sie den standardisierten Prüfzyklus der EPA erkannte und erst daraufhin die Abgasaufbereitung mit voller Leistung zuschaltete. Auf diese Weise sollten die Stickoxid-Werte während des Prüfvorganges reduziert werden. Der Rücktritt des VW-Vorstandsvorsitzenden Winterkorn, der eben erst eine Attacke des Ex-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech überstanden hat (aber das Rennen und den Aufsichtsratsvorsitz verlor), ist nur die logische Konsequenz bei einem solchen Skandal. Ob die EPA den vollen Strafrahmen von 18 Milliarden Dollar ausschöpfen wird, ist fraglich und wohl auch ein politisches Thema. Sicher ist aber, dass die Manipulationsvorwürfe gegen VW nur die Spitze eines globalen Eisberges sind.

Geschönte Studien im Rahmen von Zulassungsverfahren bei Pharmakonzernen, verharmlosende Expertisen für Agrarchemie und genmanipulierte Pflanzen, beschönigende Gutachten über Umweltschäden bei Rohstoff-Förderungsprojekten, mit chemischen Kunstgriffen genießbar gemachtes Gammelfleisch – all das ist weltweit Realität und bedroht nicht nur Konsumenten, sondern eben auch Aktionäre. Wenn´s dann auffliegt, droht der GAU. Besonders anfällig für Imageschäden sind eben die Markenartikelprodukte. Und natürlich ist VW ein Markenartikel – aber noch viel mehr: Der Markenartikel, um den es da geht, heißt „Made in Germany“. Aber halt: Haben hier Listerien im Käse Tote verursacht? (So geschehen bei Schweizer Käse.) Haben hier defekte Zündschlösser und das Vertuschen dieser Affäre Tote verursacht? (Geschehen bei General Motors.) Wurde hier chemisch „verbessertes“ Gammelfleisch in Burger gesteckt? (Geschehen bei McDonalds in China.) Wurden hier Textilarbeiter in Drittweltländern durch katastrophale Arbeitsbedingungen ermordet? (jawohl: „ermordet“ und zwar durch europäische und amerikanische Textilmarken) Und VW? Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, erklärte, der seit Jahrzehnten andauernde Erfolg der Exportnation Deutschland beruhe nicht auf billigen Preisen sondern auf Qualität: „Die VW-Affäre könnte somit nicht nur VW, sondern auch viele andere deutsche Exporteure treffen und das Vertrauen in Produkte ‚Made in Germany‘ schwächen.“ Sogar Wirtschaftsminister Sigmar Gabriels Stirn ist in Sorgenfalten gelegt: „Dass wir Sorgen haben, dass der berechtigte, exzellente Ruf der deutschen Automobilindustrie und insbesondere Volkswagens darunter leidet, das können Sie sich sicherlich verstellen“, so sein mäßig sprachgewandter Kommentar.

Aber lassen wir die Kuh im Dorf: Im Gegensatz zu sonstigen Industrieskandalen ist hier niemand zu Schaden gekommen. Deutsche Ingenieure haben mit der Trickserei bewiesen, wie findig sie sind, und VW wird die Strafzahlung überleben. Stimmt, man kann es auch so formulieren: Es ist Betrug auf Kosten der Umwelt, aber nicht einmal das ist sicher, denn wie praxisorientiert der US-Prüfzyklus ist (oder ob dieser nicht doch ein wenig auf amerikanische Produzenten abstellt), weiß hier niemand. Ein Imageschaden für die stark exportorientierte deutsche Industrie (und deren Aktienkurse) wäre auch für Österreichs Wirtschaft bedrohlich, denn immerhin sind die Deutschen die wichtigsten Abnehmer für unsere Zulieferbetriebe. Aber glaubt irgendjemand ernsthaft, dass Autokäufer jetzt öfter zu Mazda, Kia oder Ssang Yong greifen werden als zu VW, Mercedes und BMW? Oder, allgemeiner: Dass etwa China-Ramsch jetzt imagemäßig die Deutschen schlagen wird? Wie so oft, wird auch hier das Medienecho stärker sein als dessen Auslöser. Dieses Börsengewitter geht rasch wieder vorbei.

Franz C . Bauer, Trend RedakteurEin Beitrag von Franz C. Bauer

Franz C. Bauer ist Chefkolumnist des Austria Börsenbriefs

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Bildquelle: dieboersenblogger.de / boersenbrief.at


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