Chefsache

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Sie erinnern sich doch sicherlich noch an den Market Mover von vor zwei Wochen, in dem ich am liebsten gar nichts gesagt und noch weniger getan hätte. Zu diesem Zeitpunkt – also vor 14 Tagen – befand ich mich mit dieser Vorgehensweise auch in allerbester Gesellschaft, denn niemand geringeres als die bundesdeutsche Kanzlerin hatte das Schweigen und Nichtstun zur obersten Regierungstaktik erhoben. Und zwar so erfolgreich, dass das Verb „merkeln“ als absoluter Favorit für den Titel „Jugendwort des Jahres 2015“ gilt und zudem laut Langenscheidt „Nichtstun, keine Entscheidungen treffen, keine Äußerungen von sich geben unter Bezugnahme auf Angela Merkel“ beschreibt. Doch damit ist seit Montag Schluss! Mutti macht das jetzt, denn die Kanzlerin hat – endlich, möchte man meinen – die Flüchtlingskrise als solche erkannt und in den entsprechenden Modus umgeschaltet. Flüchtlinge sind ab sofort Chefsache, und man hofft doch sehr, dass nicht nur der Blick auf die seit Wochen rückläufigen Umfragewerte der Union Frau Merkel zu diesem taktischen Umdenken bewogen hat. Was immer den Ausschlag letztendlich gegeben haben mag: Nun also passiert etwas in unserem Land, und das wurde auch höchste Zeit! Gut, dass es besser ist, die Rechten links liegen zu lassen, das war uns auch vor Merkels flammender Montagsrede schon absolut klar. Dem „Pack“ zu folgen, dürfte für niemanden, der seine Sinne alle beisammen hat, eine Option sein. Dass wir alle derzeit vor einer besonderen Herausforderung stehen, die uns menschlich und finanziell fordert, das war zwar ebenfalls nicht neu, aber dennoch schön, dass die Zeichen nun auch im Kanzleramt erkannt wurden. Die Finanzmärkte verkamen da in dieser Handelswoche beinahe zum Nebenschauplatz:

Bauernopfer

Das mediale Echo auf die neu deklarierte Flüchtlingskrise (redaktionsintern postwendend mit der Kurzform „Fise“ benannt) war dergestalt groß, dass die Meldung vom Monatsergebnis des DAX quasi zur Randnotiz wurde. Dabei war ein ordentliches Minus zu vermelden – 9,3 Prozent betrug der Kursverlust im deutschen Leitindex in diesem August, mehr verlor das Börsenbarometer zuletzt vor exakt vier Jahren – im Eurokrisen-August 2011 gab der Index sogar 19,2 Prozent ab! Der anschließende September ging übrigens mit einem Minus von 5 Prozent in die Geschichte ein, ein schlechtes Omen? Wir werden sehen – bislang zumindest fehlten auch im noch jungen September 2015 bei DAX & Co zunächst die klaren Linien. Das lag vor allem daran, dass die Lage an der chinesischen Konjunkturfront unverändert kritisch blieb. Zwar präsentierte Chinas Regierung mit dem Wirtschaftsjournalisten Wang Xiaolu endlich den „wahren Schuldigen“ für den Börsencrash der vergangenen Wochen – der arme Teufel „gestand“ vor laufenden Kameras, mit seinem Mitte Juli erschienenen Artikel über den möglichen Ausstieg von staatseigenen Fonds aus dem Markt die anschließenden Kursabstürze verursacht zu haben. Es leuchtet allerdings auch ein, dass die chinesische Regierung jede Chance ergreift, die eigene Rolle im aktuellen Börsengeschehen bestmöglich darzustellen. Ob das Bauernopfer Wang Xiaolu dafür einen positiven Beitrag leistet, scheint mehr als fraglich:

Luftsprung

Nicht einmal die eigenen Markteilnehmer schienen den Ausführungen Glauben zu schenken, weshalb die Kurse im Shanghai Composite konsequenterweise erst einmal weiter fielen und seit dem Höchststand vom Juni mittlerweile rund 40 Prozent tiefer notieren. Wie gut, dass die chinesischen Börsen ab Donnerstag anlässlich der Feiern zum 70. Jahrestags des Kriegsendes in Asien geschlossen blieben! Für die anderen Finanzplätze gab es damit nämlich ebenfalls etwas zu feiern: Ohne die Störfeuer aus Fernost blühten die übrigen Indizes nachgerade auf. Die Notenbanken taten das ihrige, um die Partylaune auf dem Parkett nicht zu torpedieren – im Beige Book der US-amerikanischen Fed wurde die allfällige Zinserhöhung wieder einmal nicht näher datiert, und Europas oberster Geldhüter und -geber Draghi versicherte am darauffolgenden Tag, dass die EZB ihre umstrittenen Anleihekäufe notfalls a) verlängern und b) intensivieren würde. Vor lauter Freude über derlei freundliche Unterstützung hüpfte der DAX gleich einmal knapp 3 Prozent in die Höhe, allerdings bleibt abzuwarten, ob aus diesem Luftsprung nicht direkt eine ebensolche Nummer wird. Immerhin – die Jahrestiefststände der Indizes vom 24. August wurden in dieser Handelswoche nicht mehr unterboten. Aus technischer Sicht könnte nun also – wohlwollende Betrachtung vorausgesetzt – von einer Bodenbildung gesprochen werden, doch ob der sich auch als tragfähig erweist, muss sich erst einmal zeigen. Von Entspannung kann angesichts der aktuellen Marktlage hier, da und dort jedenfalls keine Rede sein, weshalb die Rückkehr in den Rallye-Modus vermutlich noch etwas auf sich warten lassen wird!

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