Trotz Grexit-Angst Gelassenheit an der Börse Wien

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Politische Ereignisse haben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht um so Sachen wie „Redaktionsschluss“ oder „Erscheinungstermin“ zu kümmern. Also wird dieser Leitartikel vor jenem Sonntag geschrieben, an dem das Referendum in Griechenland stattfindet – oder eben nicht. Es war eine der Bedingungen der Euro-Gruppe, dass die Regierung die Volksabstimmung über die Sparmaßnahmen absagt, damit über weitere Hilfen an Griechenland verhandelt werden kann. Und zum Redaktionsschluss der letzten Ausgabe des Austria Börsenbriefes war die Sache eben noch in Schwebe. Beurteilen lässt sich aber bereits, wie Anleger – zumindest bisher – auf die ultimative Zuspitzung der Griechenland-Krise reagiert haben.

Ich komme gerade von einer Veranstaltung der Raiffeisen Bank International, auf der Nationalbankchef Ewald Novotny einen Vortrag über – na was schon – gehalten hat. (Im Gegensatz zu mir hoffte Nowotny auf ein „Ja“ der Griechen zu den Sparmaßnahmen). Bei der Veranstaltung hatte ich die Gelegenheit, mit Börsen-Vorstand Birgit Kuras zu sprechen, und sie bestätigte die gelassene Reaktion der Anleger: An der Wiener Börse war der Tag nach dem Platzen der Verhandlungen ein ganz normaler Handelstag ohne auffallend hohe Umsätze. Die ständigen Eskapaden des selbstverliebten und überheblichen griechischen Finanzministers und sein riskanter Poker sind längst in den Kursen eingepreist. Warum ich hoffe, dass die Volksabstimmung stattfindet und die Griechen mit „Nein“ votieren? Weil ein Ende mit Schrecken längst da ist und nur noch formell besiegelt gehört, dieses Ende aber bei einer Absage der Abstimmung in eine jahrelange Verlängerung geht.

Warum hatten Premierminister Alexis Tsipras und sein unerträglicher Finanzminister Yanis Varoufakis aber plötzlich die Idee der Volksabstimmung? Weil sie irgendwann erkennen mussten, dass sie ihre unrealistischen Wahlversprechen nicht halten können. Also haben sie als gewiefte Zocker den Schwarzen Peter einfach ans Volk weitergereicht: Sie haben einerseits die Entscheidung über das Sparprogramm von sich weggeschoben und eine Ablehnung „empfohlen“, das können sie aber nicht ganz ernst gemeint haben. Denn gleichzeitig haben sie die Banken und Bankomaten gesperrt. Griechen konnten vergangene Woche vom Bankomat also nur noch 60 Euro täglich abheben. Sehr schlau: Man empfiehlt einerseits das „Nein“, kann sich nachher also abputzen und sagen, man wollte das eh nicht (obwohl man schon weiß, dass es anders nicht geht) und macht den armen Wählern gleichzeitig klar, dass sie bei einem Nein keinen Zugriff auf ihre Euros mehr haben werden.

Die Regierung sagt also Nein, provoziert aber ein Ja. Wie nennt man so eine Vorgangweise? Nein, sagen wir nicht „Erpressung“, sagen wir einfach „Trickreich“. Zu befürchten ist also ein „Ja“ oder eine Absage der Veranstaltung. Dann geht das Tauziehen um weitere Milliarden für ein Land weiter, das weder geschafft hat, eine leistungsfähige Industrie aufzubauen, noch in der Lage ist, eine geradezu grotesk aufgeblähte Verwaltung in den Griff zu bekommen. Ein Land, das es nicht einmal schafft, seine Steuern einzuheben. Ein solches Land ist gescheitert, und jeder weitere Euro, der Richtung Athen fließt, ist verloren. So gesehen sollten die Börsen ein „Nein“ mit Kursanstiegen quittieren, ein (durchaus nicht unwahrscheinliches) „Ja“ oder die (ebenso wahrscheinliche) Absage mit Skepsis aufnehmen.

Franz C . Bauer, Trend RedakteurEin Beitrag von Franz C. Bauer

Franz C. Bauer ist Chefkolumnist des Austria Börsenbriefs

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