Aufs falsche Gleis gestupst

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Bildquelle: Pressefoto © voestalpine

Unlängst sollte mein Freund H. einen Vortrag in Nottingham halten. Und da die Veranstaltung 90 Minuten früher als geplant endete, dachte er sich, es wäre doch schön, diese Zeit zu nutzen und ein paar Züge früher als ursprünglich beabsichtigt die Fahrt zum nächsten Zielort anzutreten. Das Ganze stellte sich allerdings nicht als besonders einfach heraus, denn der gute Freund hatte sich zuvor auf eine bestimmte, besonders günstige Verbindung festgelegt, bei der die ganze Fahrt nur 68 englische Pfund kosten sollte. Auf Nachfragen am Bahnhof stellte sich jedoch heraus, dass er die Differenz zwischen dem Billigticket und dem vollen Fahrpreis von 135 Pfund für eineinhalb Stunden Zeitersparnis hätte nachentrichten müssen. Die Dame am Ticketschalter konnte den leichten Groll ihres Gegenübers jedoch nachvollziehen und schlug daher vor, er solle doch lieber die eingesparte Zeit für einen Stadtbummel nutzen und das Geld zum Shoppen statt für ein Zugticket ausgeben.

Ein klarer Fall von mentaler Kontoführung, dachte ich mir. Eigentlich müsste es mehr von solchen Menschen geben, dann wäre die Konjunktur schnell angekurbelt. Denn die Dame am Ticketschalter hatte schlicht und einfach mit dem Geld meines Freundes gespielt, das dieser noch gar nicht ausgegeben hatte. Aber durch die Verschiebung des Referenzpunktes von 68 auf 135 Pfund wäre ihn die Zugfahrt 67 Pfund teurer zu stehen gekommen als ursprünglich beabsichtigt. Statt diesen Verlust zu realisieren, dürfte es für H. erträglicher gewesen sein, dieses Geld auf ein anderes mentales Konto als ersparten Verlust bzw. Gewinn zu buchen und dieses Geld sozusagen als Windfall-Profit ohne Reue auszugeben. Geld, das mein Freund ohne diesen Vorfall vermutlich nicht einmal in Gedanken angerührt hätte.

Und ein Nudge obendrein

Die Geschichte zeigt allerdings auch noch etwas anderes. Nämlich wie die nette Dame am Bahnschalter – vermutlich unbewusst – meinen Freund H. zu einer glücklicheren Entscheidung anstupsen wollte. Über dieses so genannte Nudging ist gerade in der jüngeren Vergangenheit viel diskutiert worden. Vor allem, wenn der Staat seine Bürger zu angeblich besseren Entscheidungen anstupsen möchte. Von Bevormundung und Manipulation der Menschen war da erst kürzlich die Rede…

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GoldbergEin Beitrag von Joachim Goldberg.

Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander.
Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.

Bildquelle: Pressefoto © voestalpine


1 KOMMENTAR

  1. Der Begriff „Nudging“ war mir bisher nicht bekannt. Ich habe ihn einmal gegoogelt und scheinbar werden wir ja wirklich an allen möglichen stellen im Alltag „geschubst“.
    „Wird in Urinalen ein Abbild einer Fliege angebracht, landet 80 % weniger Urin auf dem Boden, da die Männer auf die Fliege zielen.“ (Wikipedia)
    Nudging kann also auch für positive Dinge eingesetzt werden. Anscheinend wird es sogar mehr und mehr von der Politik eingesetzt um uns zu „erziehen“.
    Ich persönlich habe nichts dagegen – man muss nur bewusst handeln um Manipulationen aus dem weg zu gehen.
    Gruß,

    Claudius

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