Von Crowdfunding und Holzhüllen für Apples iPhone & Co

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Bildquelle: Pressefoto Apple

Vergangene Woche hatte ich wieder einmal das Vergnügen, einige Tage in London zu verbringen. Kontakte auffrischen, Geschichten recherchieren. Im Hotelzimmer läuft bei mir immer das Fernsehen, besonders interessieren mich natürlich die Nachrichten. Wie berichten die Kollegen über Katastrophen, etwa das Erdbeben in Nepal? Was sind die wichtigen Themen abgesehen von den „Sensationen“? Natürlich der (in Österreich klarerweise kaum wahrgenommene) London-Marathon. Und, klar, die bevorstehenden Unterhauswahlen. Eines der dominierenden Themen: Die Wirtschaft.

Interessant, was Großbritanniens Premierminister David Cameron da sagte: Sollte er gewählt werden, dann wolle er sein Land zur „Startup-Nation Nummer Eins“ in Europa machen. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Hat das bzw. Ähnliches nicht kürzlich auch Österreichs Außenminister Sebastian Kurz von sich gegeben?

Die Start up-Szene – ja, da wollen alle dabei sein. Klingt irgendwie toll, dynamisch, modern. Das ganze dann noch kombiniert mit Crowdfunding, und schon können wir alle alten Strukturen über Bord werfen. Oder? Erreichte uns da nicht erst kürzlich die Meldung, dass das erste mit Crowdfunding finanzierte Startup Pleite gegangen ist?

Woodero wollte hübsche Holzhüllen für Smartphones und Tablets herstellen – eine gute Idee nach Meinung der Start up-Gründer und der 175 Investoren, die dafür 166.000 Euro aufgebracht haben. Eine weniger gute Idee, befand leider die potenzielle Kundschaft. In Österreich entsteht gerade ein Crowdfunding-Gesetz. Parallel dazu hat die Regierung in den vergangenen Jahren die steuerlichen Rahmenbedingungen für Aktionäre verschlechtert.

Verstehen sie die Logik? Ja, es ist natürlich grundsätzlich richtig, Geld, das andernfalls sinnlos auf Sparkonten versauert, direkt in die Wirtschaft umzulenken. Banken fallen als Financiers riskanterer Unternehmen aus, da die neuen Eigenkapitalregeln die Spielräume der Institute dramatisch einengen. Und es ist auch richtig, dem gesamten Themenkomplex „Crowdfunding“ transparente und faire Spielregeln zu verpassen. Aber zu glauben, damit auf simple Weise eine Gründerwelle auszulösen ist von einer Naivität und Ahnungslosigkeit über wirtschaftliche Zusammenhänge geprägt, so wie fast alle wirtschaftlich relevanten Aktionen der Politik.

Noch einmal: Es gibt einen Ort, an dem Kapital und Ideen zusammenfinden. An dem sich alle Beteiligten an – zu recht – rigide Spielregeln halten müssen, mit dem hunderttausende Arbeitsplätze in Österreich verbunden sind. Dieser Ort heißt „Börse“. Es ist denkbar, ein Kleinstsegment zu schaffen, in dem erleichterte Publizitätsvorschriften, niedrige Zugangsschwellen und ein kostengünstiges Marketmaking den Zutritt auch für ein „Start up“ ermöglichen.

Ich habe aber einen ganz anderen Verdacht: Es geht gar nicht in erster Linie darum, weiteres Risikokapital zu mobilisieren. Die Politiker müssen angesichts steigender Arbeitslosenzahlen erkennen, dass „Beschäftigungspolitik“, wie sie jahrzehntelang Österreichs Wirtschaftspolitik geprägt hat, nicht mehr funktioniert. Der Staat kann keine Jobs schaffen (und wenn er das versucht, siehe Griechenland). Zu einer wirtschaftsfreundlichen Politik (zu der eben auch die Börse gehört) kann man sich nicht durchringen, also setzt man eben auf die Start up-Szene. Klingt ja auch gut und liegt im internationalen Mainstream.

Eines sollte der Politik allerdings klar sein: Start up-Unternehmen werden die Zuspitzung am Arbeitsmarkt nicht beseitigen, sie können Strukturprobleme nicht lösen – und ein Investment ist mit hohen Risiken verbunden. Ein politischer Anschub für die Börse wäre da effizienter. Doch da müssten beide Regierungsparteien über ihre Schatten springen.

Franz C . Bauer , Trend Redakteur .Ein Beitrag von Franz C. Bauer

Franz C. Bauer ist Chefkolumnist des Austria Börsenbriefs

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Bildquelle: Pressefoto Apple / boersenbrief.at


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