Der böse Zinseszins

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Bildquelle: dieboersenblogger.de

Gelegentlich stoße ich im Internet auf Beiträge, die sich mit der angeblichen Ungerechtigkeit des Zinseszinses auseinandersetzen. Und nicht selten wird behauptet, alle Ungleichheit auf dieser Erde beruhe auf diesem Effekt. Auch prominente Börsenexperten erzählen immer wieder gerne die Legende vom Josefs-Pfennig. Eine Geschichte, die vor allem dazu dient, Zinsen als unethisch darzustellen. Und weil diese Parabel recht eingängig ist, wird sie auch immer wieder gerne nachgeplappert. So wird darin geschildert, welchen unermesslichen Reichtum Josef, der Vater Jesu Christi, hätte schaffen können, wenn er eben diesen berühmten Pfennig zur Geburt seines Sohnes bei einer lokalen Sparkasse angelegt hätte. Bei kontinuierlicher Wiederanlage jährlich anfallender Zinsen in Höhe von fünf Prozent durch Kinder und Kindeskinder würde daraus ein Betrag auf seinem Sparbuch entstanden sein, der selbst mit vielen erdballgroßen Goldkugeln nicht aufzuwiegen wäre. Dagegen würde die Geschichte ohne Zinseszinseffekt selbst nach mehr als 2000 Jahren ganz harmlos aussehen: Aus einem wären etwas mehr als 100 Pfennige geworden.

Abgesehen davon, dass es einer Sparkasse in Judäa aufgrund des unter Juden bereits damals bestehen Zinsverbots nicht möglich gewesen wäre, dem redlichen Zimmermann Josef überhaupt Zinsen gutzuschreiben und eine römische Bank die anfänglichen Pfennige oder tatsächlich durch Zinseszins angehäufte Vermögen vermutlich irgendwann konfisziert hätte, schwingt in dieser Geschichte vom exponentiellen theoretischen Wachstum eines solchen Sparbuchs unterschwellig ein großes moralisches Ressentiment mit. Dabei ist doch kaum anzunehmen, dass Josef diesen Ur-Pfennig bei irgendwelchen Spekulationsgeschäften erwirtschaftet hat. Vielmehr müsste man doch annehmen, dass er sein Geld mit schwerer körperlicher Arbeit als Zimmermann verdiente. Und da sein Sohn ohnehin nicht vor Erreichen der Volljährigkeit über diesen Pfennig verfügen dürfen sollte, ist es doch nur legitim, dass auch die Zinsen auf die Zinsen eine etwaige Inflation hätten ausgleichen sollen. Oder sind Zinsen, die für erarbeitetes angelegtes Geld empfangen werden, moralisch gerechtfertigter als Zinsen auf Zinsen? Dabei wird immer wieder gerne vergessen, dass Geld ohnehin ganz einfach nur das fungibelste aller Tauschmittel ist.

Zinsen abschaffen? – Aber nicht für Sparer

Interessanterweise sind diejenigen, die am liebsten die Zinsen abschaffen würden, meist dieselben, die sich gleichzeitig lauthals darüber beschweren, dass die Sparer derzeit durch die Nullverzinsung der Sparbücher de facto schleichend enteignet würden. Und jetzt drohen sogar Negativzinsen…

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GoldbergEin Beitrag von Joachim Goldberg.

Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander.
Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.

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