Schlussgong: Inflationsgeschützte Anleihen – schon der Name ist eine Lüge

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Die Aktienmärkte haben heute den Rückwärtsgang eingelegt. Der USD präsentierte sich fester, prompt fielen die Preise für Aktien, Gold und Öl. Der Ölpreis musste die höchsten Abschläge hinnehmen, weil in den USA zusätzlich hohe Öllagerbestände veröffentlicht wurden.

Die heutige USD-Stärke passt nicht zur aktuellen Nachrichtenlage. Das US-Finanzministerium hat wieder Horrorzahlen veröffentlicht. Im Monat Oktober lagen die Staatsausgaben bei 311 Mrd. USD, die Einnahmen jedoch bei nur 135 Mrd. USD. Unter dem Strich bleibt ein fettes Defizit von 176 Mrd. USD. Ich möchte betonen: Diese Zahlen beziehen sich auf einen einzigen Monat, nicht auf ein ganzes Jahr. Man gewöhnt sich in dieser Krise an hohe Zahlen, aber bei dreistelligen Milliardenbeträgen bekomme ich noch immer eine Gänsehaut.

Staatsanleihen: Mini-Renditen und Rekordverschuldung

Der US-Finanzminister beurteilt die Lage weniger kritisch. Das künstlich nach unten gedrückte Zinsniveau sorgt dafür, dass die Zinsbelastungen den Haushalt noch nicht sofort sprengen. Weil es für Sie als Anleger wichtiger ist, hier die aktuellen Zinsdaten aus Deutschland: Die Durchschnittsrendite der deutschen Staatsanleihen liegt bei 3,01%. Wer zeitlich ganz flexibel bleiben will, kassiert vom Staat eine Zins-Rendite beim Tagesgeld von 0,19% (die Null vor dem Komma ist kein Schreibfehler).

Aber selbst diese Mini-Renditen locken ausreichend Kapital an. Wie hier im Schlussgong am 30. Oktober veröffentlicht, hat das US-Finanzministerium erst im Vormonat einen neuen “Landesrekord” aufgestellt: In einer einzigen Handelswoche wurden Staatsanleihen im Volumen von 123 Mrd. USD am Markt platziert.

Der Markt für Staatsanleihen wird von den Notenbanken manipuliert

Der gesunde Menschenverstand sagt bereits, dass hier etwas nicht stimmen kann. Viele Staatsanleihen werden nicht von “echten” Investoren gekauft. Die Notenbanken kaufen direkt oder indirekt einen Großteil der Staatsanleihen und drücken durch die künstliche Nachfrage die Renditen. Aber dieses Spiel funktioniert nicht ewig. Wenn die Bilanzen der Notenbanken bis zum Anschlag gefüllt sind, schlägt die Stunde die Wahrheit. Der Markt wird dann über den Wert der Anleihen entscheiden. Ich erwarte ein Schlachtfest.

Die Investoren werden in Panik versuchen, die Staatsanleihen mit niedrigen Zins-Kupons und langen Laufzeiten zu verkaufen. Wenn aber viele Investoren gleichzeitig durch eine Ausgangstür wollen, wird es ungemütlich. Ein Crash am Anleihenmarkt ist aus meiner Sicht kaum noch zu vermeiden. Die scheinbar sicherste Anlageform, die es am Markt gibt, eine Staatsanleihe mit AAA-Rating, wird dann zur Falle.

Warnungen vor einer neuen Spekulationsblase

Eine solche Markteinschätzung werden Sie in der Tagesschau oder in anderen Massenmedien selten oder nie hören, aber wer mit offenen Ohren durch die Welt geht, wird noch mehr warnende Stimmen hören. Bereits am 11. Februar habe ich hier im Schlussgong Joe Kaeser, den Finanz-Vorstand von Siemens zitiert: “Ich glaube, dass Staatsanleihen derzeit die größte Bubble (Anmerkung: Bubble = Blase) überhaupt sind.”

In dieser Woche hat Henri de Castries, Chef des Versicherungskonzerns AXA, in der Wochenzeitung ZEIT eine fast deckungsgleiche Warnung ausgesprochen. Im Markt für Staatsanleihen könnte die nächste große Blase entstehen, denn derzeit seien die langfristigen Zinsen zu niedrig. Für Sparer sind Staatsanleihen ein Risiko.

Denken Sie einen Schritt weiter: Als zweitgrößter europäischer Versicherungskonzern gehört AXA zu den größten Käufern (!) von Staatsanleihen. Das kann auch für die Versicherungsbranche sehr ungemütlich werden.

Inflationsgeschützte Anleihen sind eine Mogelpackung

Ein Schlussgong-Leser hat mir nach dem letzten Inflations-Kommentar geschrieben und gefragt, ob es nicht einen einfachen “Trick” gibt, das Risiko zu niedriger Zins-Kupons bei Anleihen zu umgehen: Man kauft einfach inflationsgeschützte Anleihen. Wenn die Inflationsrate steigt, steigen automatisch auch die Zins-Auszahlungen.

Das klingt in der Tat gut, doch es gibt leider viele Schwachpunkte bei dieser Lösung: So ist bei vielen Anlageprodukten, die als “inflationsgeschützt” verkauft werden, bereits der Name eine Lüge. Zwar werden die Zins-Zahlungen immer brav angepasst, gleichzeitig wird der Schutz des Nominalwertes aber “vergessen”.

Ein einfaches Beispiel: Sie leihen einer Bank für 10 Jahre 1.000 Euro und erhalten bei einer Inflationsrate von 5% jedes Jahr auch 5% Zinsen. Das passt. Das Problem: Wenn Sie nach den 10 Jahren die 1.000 Euro zurückerhalten, ist die Kaufkraft dieser Summe dramatisch gesunken. Nach den 10 Jahren mit Inflationsraten von 5% können Sie für die 1.000 Euro rund 40% weniger Waren und Dienstleistungen kaufen. Sie wurden heimlich enteignet.

Selbst “gute” Anleihen weisen Schwachstellen auf

Es kommen also nur die inflationsgeschützten Anleihen in Frage, die eine Anpassung der Zinsen vornehmen UND auch den Nominalwert anpassen. Das ist bei vielen inflationsgeschützten Staatsanleihen der Fall. Trotzdem werden Sie auch mit diesen Anleihen Ihr Vermögen nicht schützen können. 2 einfache Gründe:

Zum einen müssen Sie die Zinserträge versteuern (Abgeltungsteuer). Zusammen mit Transaktionskosten und Depotgebühren kommen Sie leicht auf einen Abschlag von 30%. Das Geld ist futsch.

Die offiziellen Inflations-Statistiken sind der falsche Maßstab

Zusätzlich müssen Sie bedenken, dass sich die inflationsgeschützten Anleihen an der offiziellen Inflations-Statistik orientieren. Und die Statistik wird seit Jahrzehnten regelmäßig “modifiziert”. Wie der Zufall es will, führt fast jede Reform dazu, dass die Inflationsrate niedriger ausfällt als vor der Reform. Wenn Sie diesen Effekt optisch betrachten wollen, empfehle ich Ihnen die amerikanische Internetseite: www.shadowstats.com

Der niedrige Wert im Chart zeigt die offizielle US-Inflationsrate, die Linie, die weiter oben verläuft, zeigt die Inflationsrate an, wenn man den Wert noch so berechnen würde, wie es vor 20 oder 30 Jahren vom Staat gemacht wurde. Die Differenz ist erheblich: Im Rohstoffboom 2008 lag der offizielle Spitzenwert bei gut 5%, der Wert nach alter Berechnungsmethode bei 9%. Aktuell liegt die offizielle Inflationsrate bei rund 0%, nach der alten Methode bei 2%.

Es wird noch schwieriger, die Kaufkraft zu erhalten

Meine Einschätzung: In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird die Differenz zwischen offizieller Statistik und alter Berechnungsmethode immer größer werden, um die Bevölkerung ruhig zu halten (das gilt übrigens auch für Arbeitslosenstatistiken etc.). Die inflationsgeschützten Anleihen berücksichtigen aber immer nur den offiziellen Wert. Im echten Leben wird das nicht reichen, um die Kaufkraft zu erhalten.

Inflationsgeschützte Anleihen bieten daher leider nicht den oft versprochenen 100%-Inflations-Schutz. Ganz im Gegenteil. Aber es gibt auch keine andere “Wunderwaffe”, die Ihr Vermögen sicher zu 100% schützt.

Die Alternativen: Gold, Rohstoffe, Aktien und Immobilien

Wie schon mehrfach hier im Schlussgong geschrieben: Gold wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen guten Schutz bieten, kann jedoch im Extremfall staatlich verboten werden. Rohstoffe bieten einen “natürlichen” Inflationsschutz. Substanzstarke Aktien sind ebenfalls empfehlenswerte Sachwerte. Auch Land und Immobilien können den Wert erhalten, wenn nicht zu teuer eingekauft wurde.

Welche Anlageklasse am Ende der Inflationsphase an der Spitze liegen wird, kann ich Ihnen heute nicht sagen und kann Ihnen auch keine andere Person mit absoluter Sicherheit sagen. Sie brauchen eine “gesunde Mischung” von Sachwerten als Vermögensbasis. Depot-Optimierung ist eine Daueraufgabe und keine glückliche Einmal-Entscheidung. Es gibt keine Patentlösung.

Es kommt viel Arbeit auf uns zu

In meinem Börsendienst werde ich immer wieder die möglichen Anlage-Alternativen (Aktien, Edelmetalle, Rohstoffe, Immobilien) auf Herz und Nieren überprüfen. Kaufkrafterhaltung und Vermögensbildung werden in den nächsten 10 Jahren mit sehr viel Arbeit verbunden sein. Wer aber einfach nur zuschaut und sein Kapital niedrig verzinst “parkt”, wird böse überrascht werden. Wenn schon ein Versicherungs-Chef vor einer Blase am Staatsanleihenmarkt warnt, dann wissen Sie, dass die Bombe tickt.


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