Wer hat Angst vor Deflation?

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Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank

Deflation gilt momentan als Schreckgespenst Nummer 1. Es hat die zahlreichen anderen globalen Krisen auf die hinteren Plätze verdrängt. Um die Ukraine ist es etwas ruhiger geworden. Ebola hält sich in den Medien weit oben, ist aber von der Angst um Deflation mindestens auf Platz 2 gerückt. Die Angst vor Deflation ist vielleicht nicht ganz unbegründet. Die Inflation ist sehr niedrig. Der Weg zu sinkenden Preisen ist nur mehr sehr kurz. Die Kernfrage ist wahrscheinlich nicht so sehr, ob es zu sinkenden Preisen kommen wird, sondern vielmehr, ob man davor Angst haben muss.

Es wird in den Medien so getan, als sei Deflation der Auslöser für eine Abwärtsspirale. Das ist falsch. Deflation ist nicht die Ursache für den Abschwung, sondern eine Folge davon. Deflationäre Tendenzen sind ein Warnsignal in Bezug auf wirtschaftliches Wachstum. Bleibt die Nachfrage weg, dann sinken die Preise (einfachste Angebots-Nachfrage Ökonomie). Das ist de facto die Definition von Abschwung.

Derzeit wird versucht Inflation zu erzwingen. Die Überlegung dahinter: kann genug Inflation erzeugt werden, dann gibt es keinen Abschwung bzw. wenn die Zentralbanken die Nachfrage irgendwie in Gang bringen können, dann entsteht Inflation als Folge des Aufschwungs. Die Rechnung ist einfach – zu einfach. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind doch ein klein wenig komplizierter. Das zeigt der Blick auf die Wachstums- und Inflationshistorie in Deutschland und den USA. Die Gleichung Inflation=Wachstum und Deflation=Abschwung geht selten so auf wie man sich das vielleicht vorstellt.

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In Deutschland stieg die Inflation (pro Quartal) nach der Finanzkrise erst wieder als sich das Wachstum schon wieder abkühlte. Von 2001 bis 2005 lag die Inflation in Deutschland im langjährigen Durchschnitt, das Wachstum lag allerdings deutlich unter dem Durchschnitt. Anfang der 90er Jahre kam es zu hoher Inflation, gleichzeitig rutschte die Wirtschaft in eine Rezession.

In den USA ist das Bild ähnlich. Die besonders hohe Inflation Ende der 80er Jahre ging mit besonders niedrigem Wachstum einher. Die Zinsen waren sehr hoch, um die Inflation zu bekämpfen, was das Wachstum drückte. Auffällig ist die Periode von 1954 bis 1966. Das Wachstum war überdurchschnittlich, die Inflation allerdings unterdurchschnittlich.

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So schlimm ist niedrige Inflation wirklich nicht. Die Wirtschaft kann auch unter fallenden Preisen wachsen. Das war z.B. 1986, 1958, 1954, 2003 und 2006 der Fall. Die Angst, die Wirtschaft sei akut vom endgültigen Zusammenbruch bedroht, ist überzogen. Sinkende Preise sind Ausdruck geringer Aktivität oder Ausdruck eines Überangebots. Letzteres ist gerade bei Öl der Fall. Die globale Nachfrage steigt nach wie vor. Das globale Angebot ist aber einfach stärker gestiegen als die Nachfrage.

Ebenso ist die Angst unbegründet, dass Deflation von 1 oder 2% Menschen vom Konsum abhält. Den meisten Menschen ist es vollkommen egal, ob das Smartphone heute 400 Euro kostet oder in einem Jahr 396 Euro. Wer ein Smartphone haben möchte, der kauft es sich heute. 4 Euro Preisunterschied auf ein Jahr gerechnet hält niemanden vom Kauf ab. Ginge es um eine Halbierung des Preises, dann mag es anders aussehen. Davon ist die Welt aber nun wirklich noch sehr weit entfernt.

Das aktuelle Phänomen niedriger Inflation ist sicherlich teilweise nachfragebedingt. Viel schwerer wirkt aber das Überangebot an Rohstoffen, insbesondere Öl. Der Zusammenhang von Inflation und Ölpreis ist für die USA so offensichtlich, dass man es gar nicht nicht erkennen kann. Momentan sinken die Ölpreise. In Deutschland macht Energie über 10% des Preisindex aus. In den meisten anderen Ländern schwankt der Wert um einen Anteil von 10%. Steigen nun alle Preise in allen Kategorien bis auf Energie um 1%, dann reicht ein 10% Rückgang der Preise bei Energie, um eine leichte Deflation von 0,1% auszulösen. Genau diese Dynamik sehen wir momentan. Was daran so falsch ist, erschließt sich mir nicht. Es wirkt fast so, als würden die Notenbanken das Argument der Deflation vorschieben um rechtfertigen zu können, wieso sie versuchen die Wirtschaft in eine Planwirtschaft umzuwandeln.

Langfristig sind gerade im Energiebereich sinkende Preise begrüßenswert. In den USA gilt die Faustregel, dass ein 1 Cent weniger Treibstoffkosten 1 Milliarde mehr frei verfügbares Einkommen bedeutet. Seit dem letzten Preishoch von knapp 3,70 USD pro Gallone ist der Preis um 0,55 USD zurückgegangen, sprich, die Bürger haben 55 Mrd. mehr in der Tasche für den Konsum, Schuldenabbau oder sonst was. Teure Energie bringt wenig. Für die wirtschaftliche Aktivität wird sie gebraucht, ob teuer oder billig. Ein höherer Preis trägt nicht zur Produktivität bei. Ganz im Gegenteil, hohe Energiekosten last auf der Aktivität.

Vielleicht sollte man beginnen nicht unnötig Angst zu schüren, sondern in der Deflation einen gewissen Segen zu sehen und anfangen zu behaupten, dass die rohstoffpreisbedingte Deflation für Aufschwung sorgen wird.

Ein Gastbeitrag von Clemens Schmale, Finanzmarktanalyst bei GodmodeTrader.de

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Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank


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