Sicherheit, hohe Liquidität und satte Rendite zusammen gibt es nicht!

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Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank

Die EZB senkte kürzlich den Leitzins. Kornelius Purps, Zinsexperte bei der UniCredit Bank AG, erklärt die Beweggründe der Notenbank und worauf sich Sparer in naher Zukunft einstellen sollten.

onemarkets: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat kürzlich die Zinsen gesenkt. Wieso? Die Konjunktur in Europa kommt doch in Fahrt!

Kornelius Purps: Die Frühindikatoren sind in der Tat in den zurückliegenden Monaten deutlich nach oben gegangen. Allerdings fehlt die Bestätigung durch valide Zahlen. Unter dem Strich konnte im ersten Quartal nur Deutschland mit überzeugenden Werten beim Bruttoinlandsprodukt aufwarten. Im Rest der Eurozone war das Wachstum hingegen sehr gedämpft! Damit sieht sich die EZB in ihrer Haltung bestätigt, wonach in der Eurozone trotz positiver Trends noch erhebliche Wachstumsrisiken bestehen.

onemarkets: Kann eine Notenbank bei einem ohnehin schon niedrigen Zinsniveau durch weitere Senkungen die Wirtschaft überhaupt noch stimulieren?

Purps: Natürlich kann eine Notenbank durch ihre Zinspolitik der Konjunktur Impulse geben. Allerdings ist das nicht das oberste Ziel der EZB. Die Notenbank orientiert sich bei ihren Entscheidungen in erster Linie am Inflationsausblick. Die Inflationsrate liegt deutlich unter dem festgelegten Ziel. In einer möglicherweise lang anhaltenden Phase sehr niedriger Preissteigerungsraten oder gar einer Deflation sieht die EZB Gefahren. Diesen will sie entgegenwirken. Ihre Idee ist nun, über eine Zinssenkung beziehungsweise einen negativen Zins auf Einlagen bei der EZB den Euro zu schwächen oder zumindest einer weiteren Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar entgegenzuwirken. In den Augen der EZB trug die starke Einheitswährung in den vergangenen Monaten erheblich zu den niedrigen Inflationsraten in den Euro-Ländern bei.

onemarkets: Was bedeutet ein negativer Einlagenzins?

Purps: Geschäftsbanken haben die Möglichkeit, ihre Liquiditätsguthaben bei der EZB zu parken. Dafür erhalten sie den sogenannten Einlagenzins. Ein negativer Einlagenzins bedeutet nun, dass die Banken für das Parken von Geldern bei der EZB eine gewisse „Parkplatzgebühr“ zahlen müssen. Er wirkt also wie eine Steuer für Geschäftsbanken.

onemarkets: Warum legen die Institute das Geld nicht anderswo an?

Purps: Weil es häufig nicht anders geht. Banken können nicht abends um sechs bei der Bank XY anrufen und dort die überschüssige Liquidität von beispielsweise fünf Milliarden Euro über Nacht verzinst anlegen. Das geht nur im System der EZB.

onemarkets: Was könnte sich die EZB von einem negativen Einlagenzins versprechen?

Purps: Dadurch erhöht sie den Anreiz für die Geschäftsbanken, diese Liquidität anderweitig in den Verkehr zu bringen. Das heißt: Kredite an Unternehmen und Konsumenten und damit an die Realwirtschaft zu vergeben. Man muss allerdings sagen, dass es bisher noch keine große Volkswirtschaft oder einen Währungsraum gab, der einen negativen Einlagenzins einführte. Die Wirkung einer solchen Maßnahme ist also weitgehend unerforscht und dementsprechend unsicher.

onemarkets: EZB-Chef Mario Draghi erklärte kürzlich, die Aufwertung der Währung stelle für die Eurozone ein ernsthaftes Problem dar. So manche Zeitung und Zeitschrift spricht bereits vom Eintritt der Eurozone in den Währungskrieg gegen Japan und die USA …

Purps: Von Währungskrieg würde ich jetzt nicht reden. Allerdings ist schon erkennbar, dass der Außenwert einer Währung zunehmend zu einer Politikvariablen wird. Als Japan vor etwa einem Jahr den Geldhahn kräftig aufdrehte, um den Yen zu schwächen, vereinbarten die G20, dass sie keinen Währungskrieg wollen und dass alle geldpolitischen Maßnahmen einzig der Stützung der heimischen Wirtschaft und nicht der Beeinflussung des Wechselkurses dienen sollen.

onemarkets: Wie wirkt sich die Lockerungder Geldpolitik auf die Staatsanleihen aus?

Purps: Zu Beginn des Jahres rentierten langlaufende deutsche Staatsanleihen noch bei rund 1,8 Prozent. Nun liegt die Rendite bei 1,3 Prozent. Das Signal hat also gewirkt. Der Rentenmarkt in anderen Euro-Staaten profitierte teilweise deutlich stärker von der Aussicht auf weitere geldpolitische Maßnahmen. Zeitweise wurde gar mit einem quantitativen Easing, sprich Anleihekäufen, wie in den USA spekuliert. Das drückte auf die Renditen. Inzwischen können Länder wie Irland, Portugal und Griechenland sogar wieder eigene Anleihen platzieren.

onemarkets: Bedeutet das, dass diese einst als außerordentlich riskant eingestuften Papiere wieder sicher sind?

Purps: Das wäre nun vielleicht etwas übertrieben. Ich würde eher von einer langfristigen Risikonormalisierung sprechen. Beim Ausbruch der Finanzkrise sind die Risikoaufschläge einiger Staatsanleihen zeitweise exorbitant nach oben gegangen. Zu einem gewissen Grad waren die Risikoaufschläge gegenüber deutschen Anleihen möglicherweise übertrieben. Nun wird diese Übertreibung schrittweise wieder abgebaut und die Kreditrisiken werden wieder nach traditionellen Kriterien bewertet.

onemarkets: Die Staaten profitieren. Die Anleger verlieren allerdings mit deutschen Staatsanleihen real Geld!

Purps: Das stimmt. Daher sind sowohl private als auch institutionelle Anleger (krampfhaft) auf der Suche nach Rendite. Und der Druck wächst und wächst!

onemarkets: Wo sollen Anleger vor diesem Hintergrund ihr Geld anlegen?

Purps: In eine Dauerkarte für den HSV (lacht). Nein, Spaß beiseite. Im Grunde hängt es natürlich von der Risikofreude und dem Anlagehorizont ab. Die meisten Anleger investieren langfristig für die Altersvorsorge oder die Ausbildung der Kinder. Diese Personen zieht es unter anderem in Aktien, ausländische Staatsanleihen oder strukturierte Aktienprodukte. Wer nur kurzfristig und sicher anlegen kann, muss einen Kompromiss eingehen. Sicherheit, hohe Liquidität und satte Rendite zusammen gibt es nicht!

onemarkets: In Japan hat es ähnlich angefangen – vor rund 15 Jahren. Seither liegt die Rendite langfristiger Anleihen unter 2 Prozent. Wiederholt sich dieses Szenario in Deutschland?

Purps: Wenn Sie einen Blick auf die Euribor-Futures werfen, werden Sie sehen, dass uns die laufende Niedrigzinsphase noch bis Anfang 2018 begleiten könnte. Sollte die Konjunktur bis dahin wieder in einen Abschwung münden, könnte sich dieser Zeitraum sogar noch einmal verlängern. Das heißt: Der Druck, noch halbwegs rentable und verhältnismäßig sichere Anlagen zu finden, wird möglicherweise weiter zunehmen und alle Betroffenen, vom Privatanleger bis zu den Versicherungskonzernen, vor große Herausforderungen stellen.

onemarkets: Herr Purps, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Infos: www.onemarkets.de

Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank


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