Lebenslänglich?

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Seit vielen Jahren schon bin ich Mitglied einer Fitness-Kette, die man wohl als erste Adresse am Bankenplatz Frankfurt bezeichnen darf. Und wer wie ich jede Woche regelmäßig etwas für seine Kondition tut, bekommt zwangsläufig Höhen und Tiefen eines derartigen Unternehmens mit. So kann ich mich noch gut daran erinnern, wie vor ein paar Jahren einem Bekannten und mir eine lebenslange Mitgliedschaft zum damals durchaus attraktiven Preis von 4.000 Euro angeboten wurde. Abgesehen davon, dass wir uns damals, Mitte 2008, bereits in der Immobilienkrise befanden und es für mein Sportstudio kein Kredit-Rating gegeben hatte, hegte ich durchaus noch andere Bedenken. Mir war es einerlei, ob die Betreiber der Sportstudio-Kette auf diese Weise schnell und zinslos Liquidität von ihren Kunden zur Verfügung gestellt bekamen. Mittlerweile hat sich das Investment meines Bekannten bei einem Monatsbeitrag von 80 bis 100 Euro für treue Mitglieder ohne Zinseffekte ja durchaus amortisiert. Ich selbst hingegen hatte mich aus – wie sich später herausstellte – unbegründeten Bedenken, mein Vertragskontrahent könne womöglich eines Tages ausfallen, gegen ein derartiges Commitment entschieden. Trotz aller ökonomischen Vorteile: Die psychische Bindung an solche Verträge ist zwangsläufig lebenslänglich, weil die Mitgliedschaft nach der Amortisation quasi kostenlos ist.

Schadensersatz wegen Falschberatung

„Von einem Schadensersatzprozess wegen Falschberatung will ich jetzt einmal absehen“, scherzte unlängst mein Bekannter, ein Volkswirt, dem ich damals von einem derartigen Investment abgeraten hatte. Ich sei doch schon genug gestraft, jeden Monat mittlerweile mehr als 100 Euro an Mitgliedsbeiträgen abdrücken zu müssen.

Mittlerweile habe ich nämlich in ein anderes Studio der Kette, das sich in einer großen Shopping-Mall in der Frankfurter City befindet, gewechselt, doch bin ich dort alles andere als zufrieden mit den Gegebenheiten. Denn es ist etwas eingetreten, das mein lieber Freund, der Volkswirt und durch und durch rationale homo oeconomicus von nebenan bei allen Gewinnmaximierungsbestrebungen völlig ausgeblendet hatte: Die Sauberkeit des Studios lässt seit Monaten zu wünschen übrig. Verdreckte Geräte sind an der Tagesordnung, und selbst unappetitliche Haare auf den Cross-Trainingsmaschinen musste ich schon entdecken. Und von den Deckenbeleuchtungen hängen trotz meiner unermüdlichen Intervention bei der Geschäftsleitung und der regionalen Betreuung immer noch eklige Staubgirlanden herab. Immer wieder wird mir gegenüber Abhilfe versprochen und Besserung gelobt. Aber nichts passiert. Stattdessen erhalte ich vom Personal so zweckdienliche Ratschläge wie “Dann gehen Sie doch in ein anderes Studio unserer Gruppe!“ Was ich tatsächlich ausprobiert habe, aber in einem der Pendants war‘s um die Sauberkeit nicht viel besser bestellt. Staubflusen in der Herrenumkleide, eine versiffte Wäscheschleuder und so weiter und so fort. Die Mitarbeiter der Reinigungsfirma befänden sich momentan im Streik, aber zum Monatsende habe man sich um eine neue Firma bemüht, erklärte mir die dortige Studio-Chefin.

Sparen bis auf die Knochen

Man könne nicht viel gegen diese Zustände unternehmen, man tue, was man kann, versprachen mir Leitung und Trainer unisono. Hinter vorgehaltener Hand wispern einem die Angestellten dann noch zu, dass das Management in Deutschland ja gar nichts für diese Zustände könne, man kämpfe geradezu heroisch gegen den Dreck, den der derzeitige Umbau des Studios verursache. Auf meinen Einwand hin, es sei auch schon vor dem Umbau nicht allzu sauber zugegangen, verwies man auf die Klimaanlage. Ja, die sei eine regelrechte Dreckschleuder. Außerdem, so wurde mir ebenfalls geheimnistuerisch zugeraunt, seien die von der Zentrale im Ausland bewilligten Budgets zu knapp bemessen. Hat die Nähe zu den Bankentürmen etwa abgefärbt? Sparen bis zum Beinahe-Zusammenbruch?

Im Gegensatz zu meinem guten Bekannten könnte ich wegen dieser Mängel vermutlich sogar fristlos kündigen. Aber der gute Volkswirt hat ja schon für seine lebenslängliche Mitgliedschaft bezahlt und möchte jetzt natürlich auch bis an das Ende seiner Tage das für ihn mittlerweile kostenlose Training ausnutzen. Ein Studiowechsel kommt für ihn daher natürlich nicht infrage: „Dafür dass es nichts kostet, kann man schon mal über den Dreck hinwegsehen!“ Hoffentlich muss er das nicht lebenslänglich, dachte ich mir.

Joachim Goldberg beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander. Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.

Bildquelle: fotolia/tiero


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