Wenn der Euro zu viel Angst macht

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Senti14052014-230x180Als der Euro gegenüber dem US-Dollar innerhalb von vier Handelstagen seine Handelsbandbreite der vergangenen drei Monate so einfach von oben nach unten durchpflügte, mag der eine oder andere Akteur erschrocken aufgewacht sein. Dennoch handelt es sich nicht um einen außerordentlichen Rückschlag der Gemeinschaftswährung. Zunächst ist es nicht mehr als eine relativ große Veränderung nach einer vergleichsweise ruhigen Zeit und manch einer mag im ersten Moment gedacht haben: „Naja, jetzt hat Mario Draghi wieder allein aufgrund der Macht seiner Worte den Euro erfolgreich gedrückt“.

Dennoch frage ich mich, was die Devisenhändler von der EZB bei ihrer Sitzung Anfang Juni eigentlich erwarten, wenn man bedenkt, dass der Durchschnittkurs der vergangenen 100 Handelstage von Euro/US-Dollar bei 1,3740, im 200-Tage-Fenster bei 1,3623 liegt. Als mich dann auch noch mein früherer Mitstreiter Herman Brodie darauf aufmerksam machte, der Euro-Index, also der Euro gegenüber einem Korb von mehreren Valuten, befände sich seit gestern sogar bereits unter seiner 200-Tage-Linie, muss ich ihm zustimmen, dass eine quantitative Lockerung in Form von Anleihekäufen alleine wegen eines angeblich zu festen Euro wohl keinen Sinn macht. Nach dieser Logik müssten sich die derzeitigen Euro-Baissiers mit jedem Prozent, das der Euro weiter an Wert verliert, sogar Sorgen um ihre Profitabilität machen.

Aber auch am Aktienmarkt scheinen zumindest die Kommentatoren davon auszugehen, dass eine Zinssenkung der EZB, möglicherweise gepaart mit irgendwelchen anderen Maßnahmen (nur kein QE!), den DAX durch die Decke schießen lassen könnte. Aber warum nur? Die Mehrheit der Ökonomen war doch ohnehin schon seit Mitte April davon ausgegangen, die EZB werde im Juni aktiv werden. Wieso ist diese Erkenntnis erst gestern in den Aktienmärkten angekommen?

Oder handelt es sich um eine Aufwärtsbewegung des DAX, auf die sich keiner so recht einen Reim machen kann? Diesen Eindruck bekomme ich auch, wenn ich die Stimmungsentwicklung der heimischen mittelfristig orientierten Akteure zurate ziehe, die die Börse Frankfurt heute erhoben hat. Denn statt großer Freude über gestiegene Aktienkurse, herrscht sogar eine Reserviertheit der Akteure vor; handelt es sich doch um eine Kursentwicklung, die den einen oder anderen kalt erwischt haben dürfte. Meinen Sentiment-Kommentar vom Mittwoch finden Sie hier.

Joachim Goldberg beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein. Seitdem setzt er sich intensiv mit der ”Behavioral Finance” genannten verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse auseinander. Joachim Goldberg schreibt regelmäßig auf seinem Blog www.der-goldberg.de.


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