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Die Sache mit den Wirtschafts- und Finanzblogs #rp13

Das war sie also die diesjährige re:publica. Über die klassischen Themen fürs Kleinbloggerdorf bis zur internationalen (Netz-)Politik war alles dabei. Inhaltlicher Schwerpunkt sollte in diesem Jahr getreu dem Motto in/side/out das nach Außen tragen von Netzthemen und natürlich Netzpolitik sein. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass das an sich wichtige Thema Netzpolitik abseits von Applaus heischenden Telekom-Bashing bei der Masse der Anwesenden wenig Anklang fand. Selbst die alljährliche Lobo-Tomie brachte nur bei wenigen die notwendigen Erkenntnisse. Stattdessen stand vor allem der persönliche Austausch mit Leuten im Vordergrund, die man sonst selten sieht oder nur virtuell kennt. So auch in der Finanzblog-Szene.

Das große Klassentreffen

Die diesjährige Finanzblogger-Veranstaltung rund um die Verleihung des comdirect Finanzblog Award war wie ein großes Klassentreffen. Inzwischen merkt man, dass die Szene doch etwas näher gerückt ist. Sehr viele alte und neue Gesichter waren anwesend, so dass die eigentliche Diskussion zwischen Thomas Knüwer, Franziska Bluhm, Ulrich Hegge und Dirk Elsner (Mitschnitt bei Youtube) doch etwas an Bedeutung verlor. Dennoch muss vor allem hierzu einiges gesagt werden. Das betrifft die Vielfalt der Szene ebenso wie deren wirtschaftlichen Erfolg als auch das Selbstverständnis der Blogger und die Erwartungshaltung der potenziellen Adressaten. Paradebeispiel für letzteres war die in Teilen unvorbereitet wirkende Moderatorin des Abends, Jeannine Michaelsen. Ihr Eingangsstatement, dass ihr Finanzblogs vollkommen unbekannt und fremd seien und sie sich, als sie für den Job angefragt wurde, fragte warum ich?, waren schon gleich zu Beginn ein aufrüttelndes Beispiel. Die Frage „Warum ich?“ konnte dabei auch im Rahmen der Veranstaltung nicht geklärt werden.

Ob Finanzblogs durch das Panel neue Fans gefunden haben, darf indes als unwahrscheinlich bezeichnet werden. Kommentare wie „Wer haftet eigentlich für das was Finanzblogger schreiben?“ zeugen davon, dass auch im Jahr 5 nach der großen Finanzkrise das Verständnis fehlt und die Verantwortung in Finanzdingen gerne auf andere geschoben wird. Zudem wurden auch die Unverständlichkeit der Texte und die verwendete Sprache als Problem identifiziert. Interessanterweise wird dies alles bei Auto-, Tech-, Mode- oder sonstwas für Blogs nicht mal im Entferntesten erwähnt – hier sieht sich schließlich jeder Leser ein bisschen selber Experte bzw. ist ohne Widerspruch bereit sich auf ein entsprechendes Niveau einzulassen. Dabei sind die Inhalte der Finanzblogger so breit wie es die Wirtschaft eben zulässt. Doch der Reihe nach…

Das Thema Geld

Die Mottofrage „Finanzblogs: Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium?“ war eigentlich überflüssigerweise formuliert worden, denn nach wenigen kurzen Statements wurde es grundsätzlich. So kam die These auf, dass die „Aufgabe“ der Blogger es wäre, die fehlende Lücke zwischen etablierten (Finanz-)Medien und dem Mann auf der Straße zu schließen – was ein Quatsch. Die meisten Finanzblogger sind Freizeitblogger und haben überhaupt nicht den Anspruch und erst recht nicht die Kapazitäten diese in Teilen doch sehr gewaltige Lücke zu füllen. Hier sind und bleiben die etablierten Medien in der Pflicht. Während Knüwer hier vor allem die Verantwortung in Richtung Öffentlich-rechtliche schob, blieb die anwesende Frau vom Fach sehr zurückhaltend. Zwar schreibt die Wiwo sicher für breite Leserschichten, aber in Sachen Aufklärung für die Massen ist sie auch nicht bekannt. Die Frage ob man dann nicht das Bloggen professionaliseren sollte, wurde als schwierig bezeichnet. Dabei hätte ja die Online-Chefin des führenden Wirtschaftsmagazin ja auch einmal einige Vorschläge in Sachen Kooperation mit Bloggern machen können.

An dieser Stelle kam dann seitens der comdirect die Marktforschungsfrage auf, ob sich hier Blogger nicht durch eine Internetbank wie die comdirect (das ist eine Bank ohne Brokatteppiche) sponsern lassen sollten und so besser dazu in der Lage wären. Unter den Anwesenden war die Begeisterung aber wenig groß. Warum auch – wollte die Bank etwas für Blogger tun, könnte sie stattdessen mit klar gekennzeichneter Werbung die Szene aufmischen. Dabei entstehen noch am wenigsten Abhängigkeiten und man kennt das Modell von etablierten Medienangeboten. Doch in der Hinsicht gab es auch von der comdirect bislang wenig zu hören. Zumal ja ehrlicherweise die meisten Finanzblogger auch garkeine Werbung wollen und zudem nicht den Anspruch haben, hauptberuflich und gewinnbringend zu bloggen. Die, die diesen Anspruch haben, benötigen für die Monetarisierung kein Sponsoring. Entweder es gibt Bezahlmodelle wie bei Mr. Market oder Querschüsse, Werbung die auf Reichweite abzielt, wie etwa bei uns, oder die Blogger ziehen durch andere Wege Geld aus ihrem Blog: Sei es durch Aufträge in klassischen Medien oder in Form des Reputationsstifters für den eigentlichen Job. Der Aufbau der eigenen Marke steht dabei im Vordergrund. Und last but not Least darf man auch nicht vergessen: Viele Finanzblogger schreiben einfach aus Spaß an der Freude und für die Anerkennung, die einem die Leser im Blog hinterlassen.

Bunte Finanzblog-Szene

Ein weiterer Punkt, der vielleicht nun etwas pedantisch wirkt. Aber wir reden die ganze Zeit über Finanzblogs, dabei gibt es in der Wirtschaftsbloggerszene durchaus mehr zu bieten, als nur Finanzblogs. Dirk Elsner zählt in seiner Mindmap „deutschsprachige Wirtschaftsblogs“ rund 250 Blogs zum großen Thema Wirtschaft auf. Dabei reicht die Bandbreite von klassischen Geldanlage- und Börsenthemen über Spezialfragestellungen wie etwa rund um das Banking heute und morgen bis hin zu generellen volkswirtschaftlichen Fragestellungen. Auch Marketingblogs oder Seiten über Start-ups gehören dazu.

In Summe dürfte die angebliche Lücke zwischen etablierten Medien und „Otto Normalleser“ also deutlich kleiner sein, als es im Rahmen der Diskussion erschien. Denn es dürfte für jeden, egal ob Einsteiger oder Profi, etwas Passendes dabei sein. Man muss einfach nur schauen und lesen. Vielleicht fehlt für Neueinsteiger auch ein spezieller Aggregator für Wirtschaftsblogs, aber auch der würde ja voraus setzen, dass Interesse für das Thema überhaupt da ist.

Finanzblogs, die sich um Vorsorge- und Geldanlage drehen, dürften sich dann vielleicht endlich wachsender Leserzahlen erfreuen, wenn das Interesse bei den Menschen da ist. Denn wie die Moderatorin richtig erkannte, hat gerade die Generation der 25- bis 35-jährigen sehr hohen Nachholbedarf in Sachen Finanzen. Man könnte also überspitzt sagen: Wir brauchen keine neuen Finanzblogs (Ein deutscher Business-Insider wurde in der Diskussion immer wieder gefordert), was wir brauchen sind interessierte Leser. Aber solange wirtschaftlicher Erfolg in Deutschland nicht eine höhere Wertschätzung erfährt, dürfte auch das Interesse an Texten dazu nicht wachsen. Deutlich wurde das auch auf der re:publica an sich: Das Thema Geld und Geld verdienen scheint in der Szene eher ein Nischendasein zu fristen. Zwar stellten sich auch eifrig Start-Ups vor, aber weder war etwas wirklich innovativ neues, noch ein nachhaltig interessantes Geschäftskonzept mit Gewinnerzielungsabsicht dabei. Stattdessen wurde immer wieder alter Wein in neuen Schläuchen aufgetischt. Da kam übrigens Daimler-Chef Zetsche mit seinen Aussagen zum Thema Mobilitätskonzern deutlich innovativer rüber, als so mancher junge „CEO einer UG“ (sic!).

Der Finanzblog Award

Das Siegerpodest war in diesem Jahr um einen Platz größer als in den ersten beiden Jahren. Neben den normalen Plätzen eins bis drei gab es zwei Sonderpreise – wie Vorjahressonderpreisgewinner egghat scherzte, die Auszeichnungen für „besonderes Bemühen“. Die Preisträger in der Übersicht:

Bilder dazu gibt es hier und die Begründungen der Jury hier. Erneut dominierten die Wirtschafts- und Finanzjournalisten unter den Bloggern, lediglich Mr. Market ist bloggender Spezialist – was schade ist. Denn Blogs von Spezialisten sind immer etwas näher dran am Thema, als es Journalisten je sein können. Aber vielleicht ja nächstes Jahr wieder.

Zum Schluss noch eine Bemerkung in Richtung kommender Award-Verleihungen. War es 2011 und 2012 noch üblich, dass die Gewinner in einer ausführlichen Laudatio gewürdigt wurden, blieb dies in diesem Jahr fast völlig aus. Da wirkte der Fehler von Michaelsen, dass nun Benjamin Graham auf die Bühne komme, fast schon erlösend komisch. Denn während die anwesenden Blogger sichtlich schmunzelten, fiel der „Laudatorin“ erst einige Wörter weiter auf, dass der vorgetragene Text der abgelesene Anfang der Kurzbegründung für den zweiplatzierten Mr. Market war und nicht der erwartete Moderationstext. Dennoch hätten es alle ausgezeichneten Blogs und Blogger verdient diese Anerkennung zu erhalten. Erfreulicherweise nutzte dann u.a. auch Mr. Market seine Dankesworte für einige Ergänzungen zur vorherigen Debatte. Mit der wichtigen Feststellung: Wer hat denn behauptet das Wirtschaft und Börse einfach zu erklären seien… Und damit möchte ich dann auch mit dem Rückblick enden.

Hier noch einige weitere Re:publica-Posts in Sachen Finanzblogs (wenn etwas fehlt, Info bitte per Kommentar).

Wirtschaftswurm: 1. Preis gewonnen

Social Banking 2.0: In eigener Sache (Finanzblog Award): Saubere Arbeit für sauberes Geld

Mr. Market: Comdirect Finanzblog Award 2013 und Wirtschaftswoche Kolumne

Finance 2.0: Gedanken und Ideen zum Finanzblog Award 2013

Blick Log: Finanzblogs auf der #rp13: Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium?

WSJ Tech: Sechs Dinge, die ich auf der Republica gelernt habe

cfo world: Finanzblogs: Außenseiter mit Expertenwissen

Bildquelle: re:publica


7 Kommentare zu Die Sache mit den Wirtschafts- und Finanzblogs #rp13

  1. … die Analyse ist gut auf den Punkt gebracht, wir sind schon im Finanzblogger-Markt „investiert“, man muss es nur erkennen. Da bleibt jenseits der deutschen Klischees vielerorts noch Aufklärungs- und Handlungsbedarf. Ich will jedenfalls keinen Blog starten „Über Nacht reich“ oder „Alle Schulden los“. Wer klärt eigentlich die „Aufklärer“ auf?

  2. Marc, Danke ! Sehr treffend und auf den Punkt !

  3. Schöne Zusammenfassung von Dir, Marc. Ich möchte noch ergänzen:
    Die comdirect sollte sich für die nächsten Jahre überlegen, was sie mit diesem Event macht. Noch vor zwei Jahren war bei der Verleihung des Awards der comdirect-CEO vor Ort. Noch vor zwei Jahren fand das ganze in FFM in einer sehr würdigen Umgebung statt. Nicht dass ich auf Anzug und Krawatte stehe, aber was wollen Finanzblogger auf der re publica? Das ist schlicht und einfach das falsche Umfeld – auch wenn die comdirect meint, „hipp“ zu sein und dort neue (Broker-)Kunden finden zu können. Der Award 2013 – eine Leuchtturm-Veranstaltung was das alles sicherlich nicht. oder wie sagte es Kollege Lochmaier nach dem Event beim Bier so schön „den Finanzblog-Award auf einer „Non-Profit-Veranstaltung“ wie der Re Publica zu verleihen – das hat schon was…“ #rp13 – sie lebe hoch…Aber man(n) hat sich in der Blogger-Szene mal wieder treffen können, hatte auch was 🙂

  4. Danke für die Zusammenfassung!

  5. Apropos comdirect finanzblog award (http://finanzblog-award.de/)…..

    Gibt es diesen Award auch noch im Jahr 2015 oder wurde er 2013 das letzte mal einem Gewinner verliehen?

    Viele Grüße
    Hanno

  6. Hallo Hanno,
    ich weiß bisher nur, dass der Finanzblog Award dieses Jahr nicht auf der re:publica verliehen wird.
    Viele Grüße
    Marc Schmidt

  7. Thorsten Renner // 14. Dezember 2015 um 12:40 //

    Absolut richtig! Es gibt leider nicht immer nur Gutes im Netz 🙂

    Frohes Fest!

    LG,
    Thorsten Renner

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