Geldanlage: Optimismus mit Schrammen

18. Januar 2013 | Von | Kategorie: Börsenwissen, Markt & Wirtschaft

Der deutsche Aktienmarkt ist in dieser Woche zwar zeitweise unter Druck geraten, zog sich dann aber noch halbwegs aus der Affäre. Die meisten Experten sind aber dennoch sicher: Der Aktienmarkt wird in den kommenden Monaten positiv überraschen, auch wenn die Bäume kurzfristig nicht in den Himmel wachsen. Das Hauptargument für die Wertpapiere setzt sich dabei strenggenommen aus vielen Mosaiksteinen zusammen, die allesamt gegen die anderen Anlageformen sprechen. Salopp formuliert: Aktien sind toll, weil alles andere Mist ist.

Die Aktie ist damit die letzte Bastion der Finanzexperten, wenn man Unternehmensanleihen an dieser Stelle einmal ausklammert. Auf dem Sparbuch gibt es im Schnitt derzeit noch 0,2 Prozent, 1,7 Prozent sind es beim Tagesgeld und bei neuen Lebensversicherungen gleicht der Garantiezins Pi mal Daumen der Inflationsrate, die sich vorerst bei 1,9 Prozent einzupendeln scheint. Das gleiche Prinzip gilt auch für Bundesschatzanweisungen – die Inflation frisst die Rendite und knabbert manchmal sogar noch am Kapitalstock. Die logische Konsequenz für alle Anlageberater: Mut zur Aktie zeigen, statt sich arm zu sparen.

Diese Phrasen werden derzeit gebetsmühlenartig heruntergebetet – ungefähr so, wie Sie es in den letzten beiden Jahren mit Gold erlebt haben. Denn es suggeriert, dass die Liquidität als einzige Komponente ausreicht, um die Kurse nach oben zu schieben. Die Wirtschaft wird quasi zum Nebendarsteller. Oder anders ausgedrückt: Die Strategie des Growth Targeting der Notenbanken geht auf. Doch – und das muss man an dieser Stelle einfach klar sagen – ähnelt diese Strategie eher einem Experiment, bei dem das Ende vollkommen offen ist. Wundertüte oder Büchse der Pandora? Die nächsten Jahre werden es zeigen. Die große Unbekannte bleibt die wirtschaftliche Entwicklung.

Sicherlich, an der Börse gilt: Wer trifft, hat Recht. Egal, welche Gründe dabei ins Feld geführt werden. Das Szenario, dass die Aktienkurse zwecks mangelnder Alternative steigen und dieser Anstieg von der Liquidität zusätzlich befeuert wird, ist allerdings nur eine von vielen Möglichkeiten – es ist kein Naturgesetz. Zur Verteidigung der Experten sei allerdings gesagt, dass sie wirklich kein einfaches Publikum haben. Der Wunschtraum, hohe Sicherheit wäre mit hohen Renditen kombinierbar, hat sich in den Köpfen der Anleger manifestiert. Aber was kann man eigentlich von den deutschen Aktien erwarten? An welchen Renditen kann man sich orientieren? Ein Test der Jeder-Tag-ist-Kauftag-Strategie bringt etwas Hilfe:

Seit Anfang 1989 gab es 6.064 Handelstage im DAX, wovon 52,95 Prozent positiv und 47,05 Prozent negativ waren. Bei 6.064 Handelstagen konnte man in 5.814 Sitzungen (6.064 minus 250) eine Position aufbauen, die über einen Zeitraum von 251 Handelstagen (durchschnittlich ein Jahr) gehalten werden konnte. Für diese 5.814 Kauftransaktionen ergeben sich dann folgende Werte: Der Dax zeigte in 64,91 Prozent der Fälle eine positive Rendite auf. War die Rendite positiv, dann lag sie im Schnitt bei 24,73 Prozent. Demgegenüber musste in 35,09 Prozent aller 5.814 möglichen Transaktionen eine negative Entwicklung hingenommen werden. War dies der Fall, dann lag der durchschnittliche Verlust bei 17,43 Prozent. Da der Dax ein Performance-Index ist, in dem die Dividendenausschüttungen automatisch berücksichtigt werden, müssen wir diese nicht gesondert erfassen. Führen wir nun die jeweiligen Eintrittswahrscheinlichkeiten mit den durchschnittlichen Renditen zusammen, ergibt sich für die deutschen Standardwerte ein Erwartungswert von 9,94 Prozent bei einer Haltedauer von einem Jahr.

Die Vergangenheitswerte zeigen, dass die Aktie also durchaus eine sinnvolle Investition sein kann. Die allerdings immer einem Risiko ausgesetzt ist. Dieses Risiko kann man zwar zeitlich begrenzen – beispielsweise durch Platzierung eines Stop-Kurses, wenn sich die Position im Gewinn befindet und der Stop-Loss auf Break-Even gezogen wird –, man kann es jedoch nie eliminieren. Strenggenommen vergleichen wir also Äpfel mit Birnen, wenn wir das gute alte Sparbuch oder sichere Tagesgelder mit möglichen Renditen an den Aktienbörsen vergleichen. Denn wer Sicherheit sucht, ist bei Aktien falsch. Wer Rendite sucht und gleichzeitig bereit ist, ein Risiko einzugehen, für den könnten Aktien die richtige Wahl sein. Dass das Risiko dabei immer besteht, wird am König der Hedgefonds, John Paulson, deutlich:

Im Jahr 2007 war er einer der Ersten, die auf den Zusammenbruch des Marktes spekulierten. Sein Verdienst: 3,7 Milliarden Dollar in nur einem Jahr. Vier Jahre später wendete sich die Koryphäe in einem internen Schreiben an die Investoren seines Top-Fonds Advantage Plus. Der Grund: Im Jahr 2011 verbuchten die Anleger einen Verlust von 51 Prozent. Paulson hatte schlichtweg zu früh auf die Erholung des Marktes gewettete und die Wucht der Euro-Schuldenkrise unterschätzt. Anschließend wettete er auf einen Zusammenbruch der Eurozone, was – wie wir wissen – bislang nicht geschah. Wie kann das passieren? Wie kann es passieren, dass der Mann, der mit einem geschätzten Vermögen von 12,5 Milliarden Dollar auf Platz 61 der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt zu finden ist, nicht in der Lage ist, den Markt zu schlagen? Er könnte doch spielend die besten Charttechniker, die besten Mathematiker, die besten Volkswirte, die besten Systementwickler, Physiker, Händler und Trader einstellen. Wie ist es möglich, dass er sogar einen Verlust erleidet?

Die Antwort ist relativ einfach: Börsenanalysen sind immer Spekulation. Und jeder Rendite steht ein entsprechendes Risiko gegenüber. Den „heiligen“ Gral gibt es schlichtweg nicht. Ja, es kann ihn überhaupt nicht geben. Der Trader muss daher mit dem Risiko leben. Er muss es managen, versuchen zu minimieren, aber er kann es niemals eliminieren. Das kann selbst Paulson mit der Kraft all seiner Milliarden nicht. Also gehen Sie bitte nicht naiv an das Thema „Trading“ heran. Im Klartext: Es wird Situationen geben, in denen Sie falsch liegen. Und es wird Marktphasen geben, in denen Sie schwierige und harte Entscheidungen treffen müssen. Das Parkett ist definitiv der falsche Ort für Traumtänzer und Taschenrechnermillionäre.

Sebastian Hoffmann ist Trading-Analyst bei Prime Quants. Dort ist er vor allem für die Intraday-Analysen, die Handelssysteme und die Trading-Services verantwortlich.

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Ein Kommentar auf "Geldanlage: Optimismus mit Schrammen"

  1. Aktienhandel sagt:

    Das Allzeithoch beim DAX ist nicht mehr weit weg, das hätte vor drei Jahren wieder keiner gedacht. Wie heißt es so schön – Kaufen, wenn die Kanonen donnern!

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