DAX Charttechnik: Balance-Akt: Jetzt noch „long“?

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Der Aufwärtsdrang am deutschen Aktienmarkt hat Anfang Oktober spürbar nachgelassen. Mit Tiefstkursen im Bereich von 7.216 Punkten haben die Bullen allerdings nicht wirklich viel Terrain aus der Hand gegeben. Der Rücksetzer beläuft sich lediglich auf 3,52 Prozent, und verdient damit strenggenommen nicht die Bezeichnung „Korrektur“. Der MDAX sowie der TecDAX sind heute sogar auf neue Jahreshochs ausgebrochen und zeigen sich völlig unbeeindruckt von der Verschnaufpause bei den Standardwerten.

Interessant ist in dieser Marktphase der Blick auf das Sentiment, also die Stimmung der Anleger. So ist der Bull/Bear-Index zum Monatsauftakt in den positiven Bereich geschossen. Unter dem Strich vermeldete die Deutsche Börse damit den größten Stimmungsumschwung seit Mitte 2010. Auch das Privatanleger-Barometer der Börse Stuttgart zog jüngst etwas an. Der deutliche Überhang auf der Short-Seite wird abgebaut und die Stimmung hellt sich zunehmend auf. Doch damit beginnt sich auch das Gedankenkarussell wieder zu drehen, schließlich möchte man am Ende nicht der „Dumme“ sein, der als allerletztes auf den Zug aufspringt, während dieser bereits ausrollt. Andererseits ist es aber immer gefährlich sich gegen einen laufenden Trend zu stellen. Bei dem Versuch des Top-Fishings hat sich wohl jeder Trader schon mal eine kalte Dusche abgeholt.

Im Endeffekt geht es im Augenblick darum, ob sich die Self-fulfilling prophecy diesmal erfüllt. Denn der Fahrplan der meisten Trader dürfte ungefähr wie folgt aussehen: Konsolidierung, Jahresendrallye und eventuell im nächsten Jahr ein größerer Rücksetzer. Auszuschließen ist dieses Setup nicht, auch wenn sich der DAX in diesem Jahr nicht wirklich an die zyklischen Vorgaben gehalten hat. Dennoch bekommen die Indizes im vierten Quartal nun saisonalen Rückenwind. Bei einer Trefferquote von 87,5 Prozent ging es seit Start des Leitbarometers im Jahr 1988 zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember rund 8% nach oben. Kurzum: Jetzt hat die lukrativste Zeit für Aktien begonnen.

Des Weiteren wird nun das Argument des „Window Dressings“ ins Feld geführt. Dieser Begriff beschreibt den Umstand, dass die Fondsmanager zum Jahresende bemüht sind ihre Bilanzen aufzupolieren und noch mal kräftig unter Zugzwang stehen bevor die Bücher für 2012 geschlossen werden. Wie hoch der Wahrheitsgehalt hinter diesem Modewort aber tatsächlich ist, sei mal dahingestellt.

Das Chartbild im DAX lässt durchaus Optimismus zu, vor allem wenn der DAX per Schlusskurs den Sprung über die 2007er-Abwärtstrendgerade schafft, die derzeit auf dem Niveau von 7.375 Punkten verläuft. Oberhalb von 7.600 Zählern (2011er-Top) würde es dann endlich darum gehen die Folge der fallenden markanten Hochpunkte zu durchbrechen. Der Weg wäre dann frei für einen Anstieg bis 8.000 Punkte bzw. bis zum Allzeithoch bei 8.152 Zählern. So einfach ist Börse. Oder doch nicht?

Die Krise ist schließlich noch da und aus China kommen auch schon lange nicht mehr die erfolgsverwöhnten Daten. Zudem darf die langfristige Wirkung der Anleihekaufprogramme bezweifelt werden. Darüber wurde auch im geldpolitischen Ausschuss der US-Notenbank Anfang September heftig debattiert. Der Patient wird eben nicht dadurch gesund, in dem man nur die Symptome der Krankheit bekämpft oder mit aller Kraft unterdrückt – auch wenn der Arzt noch so stark beteuert, dass der Medikamentenschrank voll mit Aufputschmitteln ist und dass die nächste Spritze bereits vorbereitet wurde. Man braucht sie sich quasi nur noch abzuholen. Aber wir schweifen ab …

Unter technischen Aspekten hat der DAX mit dem Rücksetzer auf 7.230 Punkte das minimale Korrekturziel abgearbeitet. Sicherlich, 7.090/7.120 Punkte wären mustergültig gewesen, doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Für langfristige Fantasien sind uns im Augenblick zu viele wackelige Faktoren im Spiel. Wir bleiben daher im DAX-Daytrading unserer Linie treu und bewerten den Markt jeden Tag neu. Das ist zwar manchmal durchaus lästig und anstrengend, verhindert aber, dass man komplett auf dem falschen Fuß erwischt wird. Trotz – oder gerade wegen – der intakten und schon weit fortgeschrittenen Aufwärtsbewegung, empfiehlt es sich, einen kurzfristigen Handelsstil anzuwenden. Schließlich geht es an der Börse nicht darum auf Teufel komm raus Recht zu haben, sondern den einen oder anderen Taler zu verdienen. Aber auch das ist manchmal schon schwer genug.

Sebastian Hoffmann ist Trading-Analyst bei Prime Quants. Dort ist er vor allem für die Intraday-Analysen, die Handelssysteme und die Trading-Services verantwortlich.


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