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Wie man mit tollen Statistiken weniger tolle Bücher verkauft

Gerade bin ich bei den Nachdenkseiten über den Artikel „DAX: 17.358 € Gewinn pro Mitarbeiter in 2011 – im Durchschnitt!“ gestolpert. Darin geht es um die „aktuelle Zahlenlüge“, die von Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff „aufgedeckt“ wurde. Hierbei weisen die beiden Autoren daraufhin, dass es sich bei den in den Medien publizierten Zahlen stets nur um Mittelwerte handelt und die „Ausreißer“ ja noch deutlich höher lägen. Welch mathematisches Wunder…

Beim Gang durch den DAX wird solange gerechnet, bis man die Unternehmen mit dem höchsten Gewinn pro Mitarbeiter entdeckt hat. Das liest sich dann so: „Und zu guter Letzt wenden wir unseren Blick nach ganz oben, auf die Unternehmen mit den höchsten Gewinnen pro Mitarbeiter – Deutsche Börse, SAP, BASF, BMW und K+S. Dort werden sagenhafte 57.817 € an Jedem der zusammen 285.000 Angestellten und Arbeiter verdient!“ Der hervorgehobene Satz soll wohl verdeutlichen, dass sich hier jemand an jemand anderem bereichert. Nur wer da wirklich was an wem verdient, wird nicht dargestellt. Auch die sehr interessanten Kenngrößen: Gewinn je Codezeile, Gewinn je Rohrleitungskilometer und Gewinn je Bagger bzw. Roboter bleiben unerwähnt.

Im weiteren Artikelverlauf wird dann noch aufgedeckt, dass man gemeinhin ja nur Gewinngrößen pro Aktie oder gar nur Gesamtwerte zu lesen bekommt. Dabei wird auch die Frage beantwortet, was das mit „Lügen mit Zahlen“ zu tun hat? Als Antwort folgt: „Ganz einfach: In der Öffentlichkeit werden fast nur die absoluten Gewinnzahlen genannt. Da sich die Größenordnung Milliarden keiner recht vorstellen kann, verpuffen diese Informationen – wahrscheinlich gewollt. […] Im Wirtschaftsteil gibt es sogar ein paar relative Zahlen: Gewinn pro Aktie, Gewinn im Vergleich zum Vorjahr. Dies interessiert Anleger, ist aber für Mitarbeiter und ihre Vertretungen so gut wie uninteressant.“ V.a. Mitarbeitervertretungen sollten m.E. nicht auf die Berichterstattung in den Medien warten müssen, sondern sich direkt informieren können. Eine simple Division von Gesamtgewinn durch Mitarbeiteranzahl dürfte leicht durchzuführen sein. Aber was fängt man mit der Information an? Geht es am Ende darum, Gehälter von Angestellten mit „ihrem“ Gewinn für Aktionäre zu vergleichen? Dann soll man das doch bitte auch tun. Dann aber bitte gleich die Bruttolöhne inkl. Sozialabgaben. Im Fall von BASF beträgt der gesamte Personalaufwand für 111.141 Mitarbeiter 8,576 Mrd. Euro. Das entspricht einem Wert von durchschnittlich 77.163 Euro je Mitarbeiter. Demgegenüber steht ein Bruttogewinn von 8,970 Mrd. Euro, was wiederum einem Bruttogewinn von 80.708 Euro je Mitarbeiter entspricht. Welche Schlussfolgerungen man jetzt daraus zieht, wäre interessant – kommt aber in dem genannten Artikel nicht vor. Sollen die Mitarbeiter mehr Geld erhalten? Oder ist das Verhältnis von annähend Fifty-Fifty ok?

Welche Aussage am Ende wirklich hinter dem Artikel steckt, war mir erst klar, als ich am Ende den Hinweis auf das neue Buch der beiden Autoren stieß. Sinnigerweise heißt es Lügen mit Zahlen… (Werbetexte lasen sich meiner Erinnerung nach auch schon mal schöner) Wenn das ganze Buch so aufgebaut ist, wäre der Titel „Verdienen mit Zahlen“ doch wirklich besser?! Aber wie hat Mark Jacobs via Twitter die Nachdenkseiten so schön charakterisiert: man darf die @nachdenkseiten nicht allein auf propagandistischen populismus reduzieren. sozialneid spielt auch eine bedeutende rolle. Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen…


3 Kommentare zu Wie man mit tollen Statistiken weniger tolle Bücher verkauft

  1. Gerd Bosbach // 13. Juli 2012 um 11:50 //

    Danke für die offene Kommentierung unseres Beitrages, auch wenn einige Punkte bewusst verdreht wurden.

    Aber es freut mich, mit Leuten, die die Kenngröße Gewinn pro Mitarbeiter mit „Gewinn je Codezeile, Gewinn je Rohrleitungskilometer und Gewinn je Bagger bzw. Roboter“ auf eine Ebene stellen, wenig gemein zu haben.

    Übrigens, über die Absicht der Berechnungen, haben wir geschrieben (www.nachdenkseiten.de/?p=13830#more-13830). Man muss es nur lesen wollen. Aber Verkaufsgelüste zu unterstellen, polemisiert halt besser. Insofern beschreibt dieser Vorwurf wohl eher die Denke des Kommentators. Auch hier danke für die Offenheit. Zur Info: Die Buchwerbung haben die NachDenkSeiten von sich aus angehangen, aus Überzeugung.

    Herr Schmidt, woher wissen Sie eigentlich, dass das Buch weniger toll ist. Haben Sie es etwa gelesen?

    Gruß aus dem Rheinland
    Gerd Bosbach

  2. Lieber Herr Bosbach, die Unterstellung, dass hier „bewusst verdreht wurde“, die würde ich gerne einmal von Ihnen genauer dargelegt bekommen. Es ist mehr als erstaunlich, solche „feedbacks“ auf Blog-Beiträge zu erhalten. Aber immerhin: Sie haben ja auch was dazu zu sagen gehabt :-)..

  3. Besten Dank Herr Bosbach für Ihre Kommentierung. Leider erschließt sich mir die Absicht hinter ihren Berechnungen noch immer nicht. Wenn es darum geht folgendes aufzuzeigen: Der Mitarbeiter verdient nur so und so viel, der Anteilseigner dagegen so und so viel, dann schreiben Sie das doch einfach. Dann kann man wenigstens drüber diskutieren. Aber einfach eine Kennzahl herauszupicken und dann bei den Schlussfolgerungen sich mit dem Halbsatz die Größe Gewinn je Mitarbeiter „würde so manches Kostenargument der Unternehmensleitungen stark in Frage stellen“ ist hier in meinen Augen wenig hilfreich. Interessant wird es nämlich, wenn das Unternehmen keinen Gewinn macht. Rechnen Sie dann den Verlust je Mitarbeiter aus? Oder wird in diesem Fall darauf verzichtet?
    Was die Buchwerbung angeht: Das ist absolut legitim und bei den Nachdenkseiten ja auch nichts neues. Auch aus Überzeugung Werbung für etwa zu machen ist ja nichts verwerfliches… und wenn ihre Beiträge nicht Kaufgelüste wecken sollen, wären sie verfehlt. Oder schreiben Sie Bücher nur aus Spass an der Freude?

    Beste Grüße ins Rheinland
    Marc Schmidt

    P.S. Ich habe das Buch bisher nicht gelesen, aber vielleicht wecke ich ja das Interesse bei jemand anderem…

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