Presse/Eurokrise: Beim Euro gilt „mitgehangen, mitgefangen“…

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HWWI-Chef Thomas Straubhaar spricht in einem Interview Klartext zum Thema Euro(Krise). Lesenswert.

„Ich halte die Wahrscheinlichkeit für sehr groß, dass François Hollande und Angela Merkel ziemlich beste Freunde werden“, sagte Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, im Interview mit dem Anlegermagazin ,Börse Online‘ (Ausgabe 26/2012, EVT 21. Juni). Beide Politiker seien relativ unprätentiös, uneitel, nüchtern, pragmatisch und bodenständig, eine fantastische Voraussetzung für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Als kluge Politiker müssten sie heute das Volk mitnehmen und – wie jetzt im Fall Frankreich – deutlich machen, dass sie sich stärker um Fragen der Verteilung und Gerechtigkeit kümmern, als es in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war. „Nur so haben sie überhaupt eine Chance, die eine oder andere Reform durchzubringen“, meinte Straubhaar.

In den Euro-Problemländern wieder Wachstum zu schaffen sei schwierig, weil jedes südeuropäische Land anders sei. „Für einige Staaten ist die Strategie des Sparens, genannt Fiskal-Pakt, genau das Richtige, für andere genau das Falsche.“ In Griechenland sei Sparen angesagt, weil dort das fundamentale Problem die Überschuldung des Staates sei. „Andererseits, wenn man dort jetzt ein hartes Konsolidierungsprogramm fährt, wird man am Ende des Tages nicht gesündere Staatshaushalte haben, sondern kränkere“, warnt Straubhaar gegenüber ‚Börse Online‘. Die Griechen bräuchten eine Art Marshall-Plan, womit aber nicht finanzielle Hilfe, sondern im Wesentlichen institutionelle Hilfe gemeint sei. „Griechenland ist ein nicht regierbares Land, es gibt keine staatlichen Institutionen, die europäischen Standards entsprechen“, so der HWWI-Direktor.

In Spanien sei die Situation ganz anders. Spanien habe nicht das Problem überbordender Staatsausgaben, sondern ein Kostenproblem. „Das lässt sich nicht durch Sparen lösen, sondern mit Kostensenkung“, folgert Straubhaar. Entweder nehme man Reallohnkürzungen in Kauf oder Massenarbeitslosigkeit. „Derzeit werden die Kosten reduziert, indem Leute entlassen werden.“

Von einer Aufteilung der Europäischen Währungsunion in einen Nord- und einen Süd-Euro hält Straubhaar nichts: „Wer entscheidet, wer mit Deutschland zu den Lieben gehört und mit Frankreich zu den Bösen?“ Das würde auch bedeuten, dass der Nord-Euro gewaltig aufwerten müsste. „Wir müssten unsere Guthaben entsprechend abschreiben, nicht nur gegenüber Griechenland, sondern auch gegenüber Frankreich und den anderen Staaten. Das könnten wir nicht schultern.“

Aus dem Euro herauszugehen, sei eben etwas anderes, als nicht in ihn hineinzugehen. „Ist man erst mal drin, ist es nicht mehr möglich, von einer Zukunft ohne den Euro zu philosophieren“, sagte Straubhaar. Dann gebe es kein kostenloses Zurück mehr. Deshalb gelte: „Mitgegangen, mitgefangen.“

Eine Lehre aus den Ereignissen sei, dass heute alle großen Notenbanken außer der EZB in viel stärkerem Maße als ursprünglich erwartet eine Art letzter Hafen darstellten und direkt oder indirekt Staatsanleihen kauften. Letztlich gehe es darum, von den hohen Schuldenbergen herunterzukommen. „Ich vermute, man darf sich keinen Illusionen hingeben, dass diese allein durch Sparen und Haushaltssanierung abgetragen werden können. Bleibt, sie real zu entwerten.“ Das geschehe durch Umschuldung oder Inflation.

Die EZB werde kaum umhinkommen, höhere Preissteigerungsraten zu tolerieren. „Allerdings ist die Krise im Süden Eurolands so tief, dass für den Euroraum eine Inflation von drei, vier Prozent aus heutiger Sicht noch kaum erkennbar ist“, beruhigte Straubhaar. Die Länder hätten nach den geplatzten Spekulationsblasen sehr hohe Überkapazitäten auf dem Arbeitsmarkt und dem Immobilienmarkt. „Das ist nicht das Umfeld, in dem in den nächsten drei bis fünf Jahren groß eine Kosten-Preis-Spirale in Gang käme.“

Mit ihrer üppigen Geldversorgung habe die EZB das Zinsgefüge der Spareinlagen zerstört, sagte Straubhaar. „Keine Bank wird Sparern viel mehr als ein Prozent geben, wenn sie sich das Geld für ein Prozent bei der EZB holen kann.“ Die Folge sei, dass ich mich als Deutscher bei einfachen Spareinlagen mit extrem niedrigen Zinsen begnügen, aber eine Inflation von über zwei Prozent hinnehmen müsse. „Realwirtschaftlich ist das der Preis, den wir als risiko-averse Anleger – und das sind die meisten Deutschen – für den Boom der vergangenen Jahre und die Euro-Rettung von heute leisten.“

Quelle: ots/ Originaltext: Börse Online, G+J Wirtschaftsmedien


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