Rede beim Wirtschaftstag in Berlin: Deutsche Bank Co-Chef Anshu Jain versucht beim Mittelstand zu punkten

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Die Rede war mit Spannung erwartet worden: Der neue Co-Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain, wagte sich auf unbekanntes Terrain: Das politische Berlin. War sein Vorgänger Josef Ackermann noch eng mit der Kanzlerin verbunden (man erinnere sich an das umstrittene Geburtstagsessen im Kanzleramt), ist der Investmentbanker mit indischen Wurzeln in dieser Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt. Von daher war es ein klug gewählter Ort um seine neue Tätigkeit auch mit der politischen Dimension eines Deutsche Bank-Chefs in Einklang zu bringen. Schließlich ist der Wirtschaftstag in Berlin die alljährliche Hauptveranstaltung des CDU-nahen Wirtschaftsverbandes und ein Treffen des großen und des kleinen Mittelstands von Flensburg bis Konstanz.

Inhaltlich bot Jain indes wenig neues. Mit den Worten „Seit fast zwanzig Jahren ist die Deutsche Bank mein Leben und mein Zuhause. Wie Sie aber merken, arbeite ich noch an der deutschen Sprache und muss diese Zeilen ablesen. Ihr Englisch ist besser als mein Deutsch … also erlauben Sie mir bitte, jetzt ins Englische zu wechseln.“ versuchte er sich rasch auf sicheres Terrain zu begeben. Die zu besprechenden Themen waren schnell umrissen: Entwicklung der Weltwirtschaft, Sicht von Europa und Deutschland sowie künftige Herausforderungen, Chancen und Prioritäten für den Bankensektor und für die Deutsche Bank. Um das Verständnis der Rede aber zu erleichtern, bleibe ich bei der deutschen Redefassung.

Nach einem Blick auf die USA und Asien ging Jain auf Europa ein. Dort hat es ihm vor allem die Sparpolitik angetan: „Defizitfinanzierung ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg für Europa. Eine „Sparpolitik“ zu vertreten, bedeutet ganz einfach, der Realität mutig ins Auge zu blicken. Zwischen Wachstum und Sparen zu wählen, ist der falsche Ansatz – und einer, den sich niemand leisten kann. Sicher, es besteht durchaus Spielraum für die richtigen Wachstumsmaßnahmen, beispielsweise Strukturreform des Arbeitsmarktes und bei der Altersvorsorge, Liberalisierung von Schlüsselindustrien oder Investitionen in Infrastruktur.“ Und weiter: „Dank des entschlossenen Handelns der EZB und der Fortschritte beim Fiskalpakt konnten wir ein systemisches Ereignis in Europa bisher vermeiden. Aber Griechenland wird in fünf Tagen Neuwahlen durchführen. Es bestehen nach wie vor Risiken. Ein systemisches Ereignis hätte weitreichende und langfristige Folgen nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Es steht viel auf dem Spiel.“

Anschließend begab sich Jain auf den „Heimatmarkt“. Auf die Frage: „Was hat Deutschland, was andere nicht haben?“ wurde Jain der Mittelstand ans Herz gelegt. In der Rede klang das dann so „Was den Unterschied macht, das sind Sie: der Mittelstand. Bei der Vorbereitung dieser Rede habe ich nach einem englischen Pendant für das Wort Mittelstand gesucht. Ich musste feststellen, dass es keines gibt! Das zeigt mir, dass es sich um ein typisch deutsches Phänomen handelt. Sie sind sozusagen die heimlichen Helden – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie stehen für zwei Drittel aller Beschäftigten und mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaft. Sie haben sich auf Technologie, Innovation und Qualität konzentriert und sich in vielen Branchen eine dominierende Position erarbeitet. Heute geht ein großer Teil Ihrer Produktion in den Export und Sie sind echte Global Player.“ Für einen durch das angelsächische Wirtschaftsmodell geprägte Banker sind das sicher neue Erfahrungen, aber daran vorbei kommt er nicht.

Nach dieser Charme-Offensive für den deutschen Mittelstand wandte sich Jain der Bankenwelt zu. Seine Worte waren hier überraschend klar: „2008 markierte einen Wendepunkt: für die ganze Branche, für die Deutsche Bank und auch für mich persönlich. Wir erlebten die größte Bankenkrise seit den 30er-Jahren, vielleicht sogar die größte in der Geschichte überhaupt. Ich möchte eines gleich klarzustellen: Die Branche hat Fehler gemacht, die zu dieser Krise beigetragen haben.“ Und weiter: „Wir haben unsere Lektion gelernt. Wir haben Risiken reduziert und unsere Kapitalausstattung verbessert. Trotzdem waren einige Banken auf Hilfe durch den Staat angewiesen. Die Deutsche Bank, das sei in aller Bescheidenheit gesagt, gehörte nicht dazu – obwohl wir, wie andere Marktteilnehmer auch, fraglos von den systemischen Maßnahmen profitiert haben. Dennoch war eine strengere Regulierung unvermeidbar.“ An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Deutsche Bank in der Tat ohne die besagten „systemischen Maßnahmen“ deutlich schlechter dastehen würde.

Erstaunlich ist auch die folgende Aussage über die Sinnhaftigkeit des Universalbankmodells: „Dieses Modell hat seine Ursprünge in Europa und ist in Deutschland und der ganzen Welt erfolgreich. Es hat sich auch in der Krise besonders bewährt.“ Für die Zukunft erwartet Jain eine Konsolidierung und Konzentration der Bankenbranche. Zudem geht er davon aus, dass der technologische Fortschritt vieles im Bankengeschäft verändern wird. Zum Ende hin spannte er den Bogen über Hermann-Josef Abs, Alfred Herrhausen und Josef Ackermann als die drei großen Banker der Deutschen Bank.

Die gesamte Rede kann man hier auf Deutsch und hier auf Englisch nachlesen.

Weitere Stimmen zur Jain-Rede:

Die perfekte Inszenierung des Anshu Jain (Handelsblatt)

Jains Worte der Annäherung (FTD)

Anshu Jain und die Deutsche Bank: Fünf Stunden in Reihe eins (Süddeutsche Zeitung)

Anshu Jains Berlin-Premiere (FAZ)

Der Deutsche-Bank-Chef schmeichelt der Kanzlerin (Welt)

Deutsche-Bank-Chef streichelt in Berlin konservative Seele (Reuters)


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