Der Quatsch mit den Wachstumswerten

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Über die Begrifflichkeiten an der Börse kann man sich ja gerne und oft fetzen. Heute soll es mal um den Begriff Wachstumswerte gehen. Auf den ersten Blick verheißen diese Aktien ein Anstieg von allem: Umsatz, Gewinn, Kurs. Doch die Zahl derer, die diesen Kriterien gerecht werden ist sehr gering. Heute flatterte eine Pressemitteilung von Börse-Online ins Haus, in der das Magazin die Top-30-Rangliste der deutschen Wachstumswerte präsentiert.

Dass die Rangliste nur mit Mühe überhaupt auf 30 Titel kommt, wird erst am Ende erzählt, aber der Reihe nach. Offenbar ist der Kfz-Zulieferer Bertrandt das wachstumsstärkste deutsche Unternehmen der vergangenen acht Jahre. Der SDAX-Titel steigerte seinen Gewinn zwischen 2003 und 2010 um durchschnittlich 59,2 Prozent pro Jahr. Auf den Plätzen zwei und drei landeten der ebenfalls im SDAX beheimatete Reifenhändler Delticom mit einem durchschnittlichen Gewinn-Plus pro Jahr von 53,3 Prozent und der im MDAX beheimatete Baukonzern Hochtief mit 49,4 Prozent.

Damit mich niemand falsch versteht: Mit den drei genannten Titeln konnte man im Depot durchaus Freude haben. Aber diese Rangliste gibt es eben erst jetzt und nicht schon vor 4 Jahren. Insofern ist das Loblied auf die Wachstumswerte nur vergangenheitsbezogen und erlaubt nur bedingt einen Blick in die Zukunft. Im vergangenen Jahr (Pressemitteilung) etwa sah die Top-3 ganz anders aus: Damals war H&R Wasag das wachstumsstärkste deutsche Unternehmen der letzten acht Jahre. Der durchschnittliche Gewinnanstieg zwischen 2002 und 2009 belief sich auf 61,1 Prozent pro Jahr. Auf den Plätzen zwei und drei landeten damals der Laser-Spezialist LPKF (55,1 Prozent durchschnittliches Gewinn-Plus) und das Software-Unternehmen Atoss (48,4 Prozent).

Wenn es dann um die Kursgewinne aus der aktuelen Liste geht, fährt man auch gleich die ganz großen Zahlen auf:

Wie die ‚Börse Online‘-Analyse zeigt, kann es für Anleger äußerst lohnend sein, auf Aktien von Wachstumsfirmen zu setzen. So bescherten sechs der 30 Gesellschaften mit der größten Gewinnsteigerung ihren Aktionären von Anfang 2003 bis heute Kurssteigerungen von mehr als 1.000 Prozent. Den größten Kursgewinn verzeichnete der Ticket-Vermarkter CTS Eventim mit mehr als 3.800 Prozent (Rang sechs unter den Top-30-Wachstumswerten), gefolgt von dem Medtech-Unternehmen Stratec Biomedical mit mehr als 2.500 Prozent (Platz zehn) und dem Software-Unternehmen Nemetschek mit knapp 2.300 Prozent (Rang elf).

Doch auch hier gilt: Vom Einzefall darf man nicht auf alle Titel schließen. Es bleibt dabei, Daten aus der Vergangenheit können zwar für die Prognose mit benutzt werden. Dennoch sollte man nicht nur auf Gewinnversprechen setzen, sondern sich stets mit dem Geschäftsmodell auseinandersetzen.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Methodik der Rangliste. Es durfte im Beobachtungszeitraum 2003 bis 2010 kein einziger Jahresverlust angefallen sein. Für die Geschäftsjahre 2011 und 2012 durfte ebenfalls kein Minus in Sicht sein. Dabei fielen bereits junge Unternehmen und viele Börsen-Neulinge heraus. Anschließend wurden diejenigen Unternehmen aussortiert, die zwei oder mehr Jahre rückläufige Gewinne hinnehmen mussten. Diese Hürde schafften nur 26 Aktien von Anfangs 602 Titeln von rund 560 Unternehmen. Die vier für die Top-30-Rangliste fehlenden Kandidaten rekrutierte das Blatt aus dem Kreis derjenigen Unternehmen, die unter allen mit zwei Gewinnrückgängen im Untersuchungszeitraum das Ergebnis am stärksten gesteigert haben. Im vergangenen Jahr schafften die harten Kriterien übrigens nur 16 Unternehmen, die übrigen 14 Unternehmen durfte zwei Gewinnrückgänge verzeichnen.

Ein bisher nicht genanntes Manko ist der Zeithorizont. Acht Jahre sind durch nichts zu rechtfertigen, warum nicht 10 oder 15 Jahre? Klar würden dann weitere Unternehmen herausfallen, aber vielleicht wäre das Ergebnis aussagekräftiger? So oder so sollte man nicht aufgrund der Erfolge der Vergangenheit auf die Zukunft sehen. Auch das Kriterium „es darf kein Minus in Sicht sein“ ist mehr als wachsweich. Unvorhergesehene Ereignisse machen manchmal das schönste Investment kaputt. Und die Risikobewertung sollte man eben immer mit einbeziehen. Interessante Börsenneulinge sollte man zudem nicht einfach von vornherein ausblenden – schließlich können neue Geschäftsmodelle manchmal die höchsten Kursgewinne bringen.


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