Frankfurt, Paris, New York, Chicago – eine Börse greift nach der anderen

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Die Meldung kam vergangene wie ein Paukenschlag: Die Deutsche Börse und die NYSE Euronext wollen möglichweiser fusionieren. Seit Tagen nun wird dies- und jenseits des Atlantiks verhandelt, ob und wenn ja, wie ein neuer gemeinsamer Börsenbetreiber aussehen kann. Der Name war wohl noch das leichteste. Auf „DB NYSE Group“ hat man sich verständigt. Wie bereits bei der Fusion der New Yorker Börse NYSE mit dem europäischen Börsenbetreiber Euronext 2007 soll der Konzern einen Doppelsitz mit Doppellisting erhalten. Doch ist eine solche (erneute) Fusion überhaupt sinnvoll? Die negativen Stimmen mehren sich von Tag zu Tag.

[ad#Google Adsense L-rechts]Aus Aktionärssicht hat sich schon allein das Gerücht über eine Fusion gelohnt: Kräftige Kursgewinne waren die Folge. Anleger von NYSE Euronext oder Deutscher Börse sollten sich daher wohl rasch mit ihren Kursgewinnen anfreunden, diese realisieren und auf Abstand gehen.

Aus Sicht von Otto-Normal-Anleger spricht eigentlich wenig für die Zusammenlegung von Börsen. Generell hat man sowieso meist nur eine Hauptbörse in einem Land zur Verfügung und wenn die dann noch zusammenarbeiten, wird eine Monopolstruktur nur noch mehr zementiert. Die Preise dürften also eher steigen, denn fallen. Zwar kündigt die Deutsche Börse vollmundig Kostensynergien von 300 Mio. Euro an, ob die aber auch zugunsten der Kunden umgelegt werden, darf bezweifelt werden. Ob diese Größenordnung aber überhaupt gehoben werden kann, sei dahingestellt. Der Blick Log etwa weißt daraufhin, dass trotz vielleicht identischer Handelsprinzipien im Detail die Unterschiede in der IT-Technik in der Regel so groß sind, dass die Integrationskosten gerade im Finanzbereich regelmäßig unterschätzt werden. Und die Größe wird auf Kosten der Flexibilität gehen.

Aus Sicht des Finanzplatzes Deutschland kann mich sich mit der Fusion mit New York eigentlich auch nicht so recht anfreunden. Ein Großteil des bisherigen Know-hows gehen nach New York. Die Deutsche Börse wird nunmehr ganz zu einem internationalen Unternehmen, das nur noch zum Teil vom deutschen Markt abhängt. Die Börse Frankfurt, um die es dann im Kern geht, wird im neuen Konzern eben neben New York, Paris, Brüssel, Amsterdam, Lissabon, ein weiterer Handelsort sein. Genau dies könnte aber aus Kleinanlegersicht durchaus von Vorteil sein. Denn die Börsen in Stuttgart und München buhlen seit langem um Privatanleger und Nebenwerte. Vielleicht gelingt durch die Fusion der Coup, dass die beiden Regionalbörsen etwas mehr in den Vordergrund geraten. Die Münchner Börse versucht es derzeit ja schon mit längeren Handelszeiten.

Aus Wettbewerbersicht würde eine so große Fusion neuen Konzentrationsdruck in den Sektor tragen. Mit der NASDAQ OMX und der London Stock Exchange gibt es zumindest im transatlantischen Handel schon große Player. In Asien ist die Börse in Tokio weiterhin die Nummer eins. Allerdings sorgen daneben die chinesischen Handelsplätze in Shanghai und Hongkong für mehr und mehr Bewegung am Markt. Und generell sollte man auch nicht vergessen, dass immer mehr Handelsaktiviäten über offene Handelsplattformen wie etwa Chi-X oder Bats agieren. Die Rede ist hierbei von inzwischen rund 30 Prozent Marktanteil. Privatanleger greifen zudem auch oft auf die Handelsaktivitäten ihres Online-Brokers zurück.

Aber ob die Fusion überhaupt etwas wird, ist noch wie vor noch offen. Der Widerstand in den USA gegen die Europäer ist durchaus nicht zu unterschätzen. Da kommt die Meldung, dass die CME, also die Chicagoer (Rohstoff-)Börse, ein Gegenangebot vorlegen könnte, durchaus zur rechten Zeit. Es heißt also abwarten und schauen, was sich ergibt. Eines ist klar: Steigen durch noch mehr Fusionen die Preise an den regulären Börsen, werden sich Alternativen schneller am Markt etablieren, als manchem lieb ist. Die vielfach geforderte verstärkte Finanzmarktkontrolle wäre dann nicht mehr so einfach möglich und Manipulationen sind durch Handelsaktivitäten außerhalb der bereits jetzt regulierten Märkte Tür und Tor geöffnet.

Update 15:34 Uhr:

Die Aufsichtsräte haben nun doch schon den Fusionsplänen zugestimmt. Mehr dazu beim Handelsblatt: Deutsche Börse und Nyse Euronext fusionieren


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