Mal (wieder) was ganz anderes: Wie hierzulande versucht wird Stimmung zu machen

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Dass man als Journalist hin und wieder ein paar “fragwürdige” Mails bekommt, ist normal. Es gehört zum Geschäft. Aber die Art und Weise, wie in Deutschland teilweise versucht wird, Stimmung zu betreiben, wird immer befremdlicher.

Ein solches Erlebnis hatte ich jüngst gestern wieder. Da sitzt man gemütlich draußen, will das Spiel Brasilien gegen Chile anschauen, das Weizenbier perlt herrlich und es ist dementsprechend ein klasse Abend. Aber nein, ich bin so blöd und schaue noch mal kurz in meine Mails. Und dann lese ich diesen Betreff. “Mögliche Wahl Christian Wulffs zum Bundespräsidenten”. Aha, dachte ich mir. Und dann lass ich den Inhalt, bei dem ich anschließend nur den Kopf schütteln konnte.

Der Inhalt war wie folgt:

Sehr geehrter Herr Scherbaum,

in den letzten Tagen sollen verstärkt Anfragen besorgter Bürger bei den Abgeordneten im deutschen Bundestag bezüglich einer Affäre in der Niedersächsischen Staatskanzlei eingegangen sein.
Hintergrund war die Beförderung des Staatsanwaltes Uwe Görlich zum Oberstaatsanwalt in der Amtszeit des Bundespräsidentenanwärters Christian Wuff (man beachte diese schöne Schreibweise, wuff, wuff…). Unter Wulff wurde der Staatsanwalt Uwe Görlich, der laut Zeitungsartikeln der ZEIT und des WESER-KURIERS sich der Geldwäsche, Förderung der Prostitution, Korruption und Vernichtung von Beweismitteln schuldig gemacht haben soll, zum Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Hannover befördert, obwohl die massiven Vorwürfe bekannt waren.

In Google finden sich mehrere tausend Eintragungen unter den Suchbegriffen – Uwe Görlich Prostitution Geldwäsche etc. – (meine Anmerkung: Herrlich zu wissen, dass wir Journalisten ausschließlich über Google recherchieren 🙂 )
Anstatt sich von seinem Dienstuntergebenden öffentlich zu distanzieren und ihn aus dem Amt zu entfernen, wurde unter Wulff der Staatsanwalt Uwe Görlich sogar noch in eine höhere Gehaltsstufe befördert.

Aber jetzt kommt der wohl wichtigste Satz der Mail.

Angesichts dieser Missstände stellt sich die Frage, ob Christian Wulff für das Amt des Bundespräsidenten geeignet ist. Dieses Thema sollte vielleicht einmal redaktionell von Ihnen behandelt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Timo Mueller
Berlin

Sensationell. Tun wir hiermit. Nur auf eine ganz andere Weise. Für wie blöde wird man da eigentlich als “Schreiberling” gehalten? Was für eine niveaulose Sache ist das denn? Natürlich werden die Medien immer neuerdings als “vierte Gewalt” angesehen. Aber mit Halbwahrheiten und solchen Dinge anzukommen, das ist einfach nur daneben.

Bitte lieber Timo Müller aus Berlin (wenn es sich hier um den wahren Namen handelt…) etwas mehr Niveau. Vielleicht sollte der eine oder andere Kollege das durchaus lesenswerte Buch von Tom Schimmeck “Am besten nichts Neues: Medien, Macht und Meinungsmache” mal zur Hand nehmen und bitte die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Lassen wir daher die morgigen Bundespräsidenten-Wahl auf uns zukommen. Deutschland hat wirklich andere Probleme, als sich mit solchen Sachen wie oben beschrieben, herumzuschlagen. Egal wer morgen gewählt wird, ob Gauck oder Wulff, die Person hat es verdient, dass man ihr und dem Amt, welches sie bekleidet, mit Wertschätzung gegenübertritt. Auch wir Journalisten.


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5 KOMMENTARE

  1. Ich habe am 28.6. die gleiche E-Mail erhalten, vermutlich hat „Timo Mueller aus Berlin“ meine Daten aus dem DJV-Mitgliedsverzeichnis.

    Was ich nun gerne „redaktionell bearbeiten“ würde: in wessen Auftrag wurde diese irreführende Mail verfasst?

  2. Nun ja, wenn ich selber mich nicht schon länger mit diversen Justizgeschichten befasst hätte, so hätte ich diese Mail vermutlich nach kurzem Überfliegen ins Skurrilitätenlager abgeschoben. Immerhin ist ja hier noch ein Hinweis auf Berlin, der bei mir vollkommen fehlt.
    Tatsache ist, dass die beteiligten Personen existieren, der Vorgang in die Jahre 2000 bis 2003 fällt. Folglich wären also gleichermaßen Gabriel (SPD) wie auch Wulff betroffen.
    Das aparte an der Sache ist dieses: War Wulff als Nachfolger Gabriels diese Affäre bekannt? Wenn ja, warum hat er dann nicht reagiert. Wenn nein, muss er sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob er seinen Laden im Griff hat.
    Zum zweiten: Bestätigt Frank Hanebuth die gegen Görlich seinerzeit erhobenen Vorwürfe, dann steht fest, dass zumindest die Hannoveraner Justiz zu dem Zeitpunkt nicht ganz koscher waren, mithin der Vorwurf gegen Wulff gerechtfertigt ist. Folge zwei wäre, dass den Hells Angels plötzlich eine staatstragende Rolle zuwüchse. Insofern darf man gespannt sein, welche Reaktion auf die Mittelhessenbloganfrage folgen wird.
    Entpuppt sich das alles als Theaterdonner hinsichtlich der Rolle Hanebuths und Görlichs, dann bleibt immerhin die Frage offen, wieso der Weserkurier am 13. Mai und die Zeit wenig später unabhängig voneinander diesen Fall aufgegriffen haben. Bei beiden handelt es sich immerhin um gestandene Printmedien.

    Es grüßt CVG

  3. @Alexander Bakst
    Die Vermutung mit dem DJV-Verzeichnis dürfte auch meiner Meinung nach zutreffend sein.

    @Christoph von Gallera
    Inhaltlich werden wir sicher noch erleben, wieviel Theaterdonner da dabei ist. Zumal der Vorfall ja auch erst mal auf den Ressortminister zurückfällt. Wenn die Anfrage etwas erhellendes bringen sollte, wäre ein kurzer Hinweis nett.
    Was die Presseberichte angeht, muss ich aber widersprechen. Die Artikel von Weser-Kurier und Zeit wurden von Christine Kröger verfasst, die in ihrem Zeit-Artikel ja auch auf den Weser-Kurier verweist. Also von daher kein „unabhängig voneinander diesen Fall“ aufnehmen…

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