Bildquelle: Pressefoto Daimler

Die Entwicklung im Automobilsektor ist atemberaubend und langsam zugleich. Schaut man sich das Ur-Auto von Carl Benz aus dem Jahr 1885 an, fällt auf, dass sich grundlegend nichts verändert hat. Und doch könnte der Technologieschub in den letzten 130 Jahren nicht gewaltiger gewesen sein. Vielleicht haben auch deshalb Autos aus der Vergangenheit ihren Charme und ihre Anhänger. Oldtimer sind dabei längst ein Stück Menschheitsgeschichte geworden, die nicht nur für Spaß beim Fahren, sondern auch beim Investieren sorgen.

Sebastian Mayer fährt seit April 2016 einen dunkelgrünen Mercedes-Benz 230 CE. Erzählt der Mannheimer in einem Gespräch davon, stutzen Autokenner schnell: Ein aktuelles Modell ist das nicht. Tatsächlich ist das Fahrzeug Baujahr 1979. Das Geburtsjahr von Mayer. Ein waschechter Oldtimer also. Mayer ist damit ein Trendsetter, denn rollende Automobilgeschichte ist inzwischen längst kein Spleen von Frührentnern mehr.

Mit Mitte 20 hätte sich der reisefreudige Mayer alle möglichen Fahrzeuge angeschafft, aber mit Sicherheit keinen Oldtimer. Und nun auch noch einen Mercedes. Doch die jugendliche Zurückhaltung ist inzwischen sichtbarem Stolz gewichen. „Wer einmal auf dem Fahrersitz eines solchen Klassikers gesessen hat, will sobald kein neues Auto mehr fahren“, weiß der Mannheimer heute zu berichten.

Alternative zum Neuwagen. Eigentlich wollte sich der Controller im letzten Jahr einen Neuwagen anschaffen. Doch die oft gleichaussehenden Fahrzeuge von heute konnten ihm nicht so recht gefallen. Dann stieß er in einer Zeitungsannonce auf den Mercedes. Aus einer Laune heraus wollte er sich das Fahrzeug einmal ansehen. Schon während der Probefahrt bei bestem Frühjahrswetter war es um Mayer und den Oldtimer geschehen, so erzählt er heute. Die rund 10.000 Euro, die er damals bezahlte, erschienen ihm auf Anhieb günstig. Was sich inzwischen auch bewahrheitet. Jüngst wurde ihm ein deutlich höherer Preis angeboten. Aber Mayer bleibt seinem Schatz treu: „Mein Mercedes ist inzwischen eine Art Geldanlage auf vier Rädern. Aber das Fahren macht genauso viel Spaß. Warum sollte ich mich davon trennen. Im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass das Auto mit jedem Monat wertvoller wird. Zumindest geben einem Gespräche mit Oldtimer-Kennern bei diversen Ausfahrten das Gefühl.“

Jedem Gesprächspartner fällt gleich auf, mit welcher Freude und welchem Stolz der Oldtimerfahrer stets über sein Fahrzeug berichtet. Vielleicht ist diese emotionale Seite des Autofahrens auch der entscheidende Grund, warum sich Oldtimer immer größerer Beliebtheit erfreuen. Ein gutes Indiz hierfür ist das 1997 eingeführte H-Kennzeichen. Erkennbar am großen H am Ende eines regulären deutschen Kfz-Kennzeichens.

Damit ein Fahrzeug überhaupt ein H-Kennzeichen erhält, muss es mindestens 30 Jahre alt sein. Daneben wird vorausgesetzt, dass das Erscheinungsbild des Fahrzeugs seit der Auslieferung weitgehend unverändert ist. Insgesamt sollte es zudem einen guten Pflege- und Erhaltungszustand vorweisen. Für Fahrzeuge mit H-Kennzeichen fällt dann auch nur ein einheitlicher Kfz-Steuersatz von 191,73 Euro an (Motorräder: 46,02 Euro). Diese Förderung wird mit dem Schutz des “kraftfahrzeugtechnischen Kulturguts in der Bundesrepublik” begründet. Doch nicht nur das: Fahrzeuge mit H-Kennzeichen sind besonders für Städte mit Umweltzonen interessant, denn sie haben dort freie Fahrt!

Boom bei H-Kennzeichen. Welche Entwicklung die Oldtimerszene in Deutschland genommen hat wird deutlich, wenn man den Boom der H-Kennzeichen verfolgt. Allein seit 2010 vervielfachte sich die Zahl der H-Kennzeichen laut Kraftfahrt-Bundesamt. Waren damals nur rund 120.000 Pkw mit H-Kennzeichen angemeldet, liegt die Zahl inzwischen bei knapp 375.000 Pkw. Doch hinter den H-Kennzeichen verbirgt sich nur ein Bruchteil der tatsächlichen Oldtimer in Deutschland. Die tatsächliche Zahl an Oldtimern wird auf deutlich über drei Millionen geschätzt. Genaue Zahlen sind schwierig zu ermitteln, da nur ein Teil der Fahrzeuge angemeldet und damit statistisch erfassbar ist.

Aber nicht nur die Zahl der offiziellen Klassiker steigt von Jahr zu Jahr. Auch der Wert der Oldtimer geht nach oben. Ersichtlich wird die Entwicklung des Sektors am 1999 vom Verband der Automobilindustrie (VDA) aufgelegten Deutschen Oldtimer Index. Er erreichte 2016 einen Punktestand von 2.516. Das ist ein Plus von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2.413 Punkte). Gegenüber dem Startwert von 1.000 Punkten im Jahr 1999 ist die Wertsteigerung aber noch bemerkenswerter.

Entscheidend für die Wertentwicklung sind wie immer Angebot und Nachfrage. Dabei trifft ein sinkendes Angebot auf eine steigende Nachfrage. Klassiker der Automobilgeschichte wie ein Mercedes-Flügeltürer 300 SL oder ein historischer Porsche 911 Targa sind daher fast unbezahlbar geworden. Für Oldtimer-Neulinge ist es daher interessant auf noch unentdeckte Fahrzeuge zu setzen.

Ein solcher „Schatz“ ist inzwischen der ab 1984 gebaute Toyota-Sportwagen MR2. In der 2016er Rangliste der Wertentwicklung einzelner Fahrzeuge rangiert der Japaner auf Platz 2. Die beiden anderen Plätze des Podests sind jedoch in schwäbischer Hand. So machte der lange Zeit fast unbeachtete Mercedes 190 „Ponton“ einen gewaltigen Sprung an die Spitze der Top Ten. Auf Platz 3 der Rangliste findet sich der Mercedes-Benz 190 SL. Mit seiner Preisentwicklung bewegt er sich aufgrund der ähnlichen Optik im Sog des legendären 300 SL.

Bei den Topmodellen mit sechsstelligen Preisen ist es verständlich, wenn diese nicht im normalen Alltag als Fahrzeug dienen. Aber bei Fahrzeugen wie dem Mercedes von Sebastian Mayer ist es eigentlich fast schade, wenn diese nur zu besonderen Anlässen aus der Garage geholt werden. Daher vereinen solche Alltagsautos der Vergangenheit Wertanlage und Fahrspaß. Zwar sind dann regelmäßige Werkstattbesuche Pflicht. Aber diese sorgen auch dafür, dass etwaige Probleme frühzeitig erkannt werden. Sebastian Mayer genießt es jedenfalls, wenn er nach einem Werkstattbesuch wieder mit seinem aufsehenerregenden Alltagsbegleiter durch die Landschaft gleitet.

Dieser Beitrag ist ein Stück aus marktEINBLICKE – dem Quartals-Magazin der Börsenblogger-Redaktion für Geldanlage und Lebensart. Erhältlich am Kiosk, als Online-Ausgabe oder im Abo. www.markteinblicke.de

Bildquelle: Pressefoto Daimler


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